Dietrichs Rache

ein (wahrer) Erlebnisbericht von Frank Klare


1. Kapitel

Die Geschichte beginnt an einem späten Sommerabend im Jahr 1985, als ich zu Besuch bei meiner Mutter in ihrer Wohnung in Berlin- Charlottenburg war. Allerdings möchte ich, bevor ich anfange zu erzählen, einige Rahmeninformationen vorausschicken, welche im weiteren Verlauf der Geschichte noch von wichtiger Bedeutung sein werden.

Zunächst will ich sehr weit in der Zeit zurückgehen ins Jahr 1949, denn hier beginnen bereits die Wurzeln der Geschichte, wie wir später noch sehen werden. 1949, also lange bevor ich überhaupt geboren war, hatte meine damals fünfjährige Mutter folgendes Erlebnis: Noch auf dem Lande lebend (erst Mitte der Fünfziger zog sie mit ihrer Mutter nach Berlin), lag sie wie kleine Kinder oft auf einer Wiese und bestaunte die vorbeiziehenden Wolken und erkannte in ihnen Tiere, Gesichter und andere Formen. Nebenbei erstreifte ihr neugierig interessierter Blick ein nahegelegenes Gebüsch. Erschreckt konnte sich plötzlich ihr Blick dem Gebüsch nicht entziehen: Ein männliches bärtiges Gesicht starrte sie von dort aus mit bösem, gar bedrohlichem Blick an, worauf meine Mutter, die den etwa 50 Jahre alten Mann nicht kannte, vor Angst nach Hause rannte. Seitdem war sie dem fremden Mann nicht mehr begegnet.

Nun machen wir wieder einen Zeitsprung, diesmal zum Ende der Siebziger, wo ich (1965 geboren) mit meiner Mutter in die Wohnung zog, von der nachher 1985 die Rede ist.  Meine Eltern waren damals geschieden, ich verblieb danach bei meiner Mutter, als wir dann in o.g. Wohnung zogen, nachdem die vorige Wohnung zu klein wurde. Die Wohnung hatte jetzt statt vorher anderthalb nun zweieinhalbe Zimmer, befand sich im Seitenflügel eines Altbaus. Wie damals für solche Wohnungen typisch, hatte auch diese einen sehr langen tunnelartigen Flur, über 10 Meter, wo wenn man reinkam erst die Küche, dann das Bad, danach die Zimmer alle zur selben Seite abgingen. Hinterhalb der Zimmer, also ganz am Ende des Flures befand sich noch eine ca. 2 Meter tiefe Nische mit Hängeboden, verborgen hinter einem Vorhang. Diese Nische war es auch, welche kurz nach dem Einzug Ende der Siebziger das nächste merkwürdige Erlebnis hervorrief: Mit meinem damaligen Schulfreund nach Hause kommend bemerkte ich (damals etwa 14) „ irgendetwas stimmt hier nicht, irgendwas ist hinter dem Vorhang merkwürdig, unheimlich.“ Mit unerklärlichem, mir bis dahin unbekannten unbehaglichem Gefühl führte ich fort, „irgendwie muss hier noch eine Geheimtür oder Ähnliches verborgen sein. . .", während ich, daran kann ich mich heute noch gut erinnern, wirklich ein Schaudern bekam, hat mich mein damaliger Freund mehr oder minder teilnahmslos fraglich angesehen. Aber er machte mit bei der Suche nach Geheimtüren hinten im Flur, dennoch konnten wir erwartungsgemäß Derartiges nicht entdecken. Soweit gab ich mich damals wohl auch zunächst zufrieden, so nach dem Sinne „. . . keine Geheimtür – also auch nix Unheimliches. . .“.

In den folgenden Jahren entwickelte ich so meine „jugendlichen Marotten“. Eine davon war, ich hatte ständig das Bedürfnis, mein Zimmer umzugestalten, was sich dann alle paar Wochen darin äußerte, u. A. sämtliche Möbel zu verrücken, bis dann eines Tages folgende – so muß ich wirklich sagen – Zwangshandlung von mir durchgeführt wurde: Ich wollte plötzlich den Kleiderschrank ganz aus meinem Zimmer raushaben – aber wohin damit? Meine Mutter wäre im Dreieck gesprungen, wenn er z. B. plötzlich in ihrem Wohnzimmer steht. . . also fiel mir die Nische hinten im Flur ein. Jetzt kommt das eigentlich Merkwürdige: Anstelle den Schrank seitlich oder ganz hinten in der Flurnische aufzustellen, so daß man auch den Rest der Nische nutzen kann, stellte ich den etwa ein Meter breiten Schrank gleich vorne quer in die Nische (er passte fast millimetergenau hinein). So ergab sich hinterhalb des Schrankes eine „tote Fläche“ von etwa 1,50 Meter Tiefe. Um den Platz nicht ungenutzt zu lassen, ereilte mich die Idee, den Schrank so umzubauen, dass sich die Rückwand öffnen ließ. Nachdem die ganze Aktion beendet war und die Kleidung wieder im Schrank hing, ist genau das eingetreten, was mir ein / zwei Jahre zuvor so unheimlich war: Jetzt gab es hinten im Flur tatsächlich eine Geheimtür! Von vorne sah man nur den Schrank und dachte (logischerweise), der Flur sei hier zuende. Jedoch öffnete man den Schrank, schob die Kleidung auf der Stange zur Seite und öffnete dann von vorne die Rückwand, so gelangte man durch den Schrank hin-durchschreitend in einen verborgenen etwa 1 mal 1,50 Meter großen „Raum“. Nun muss ich fragen: Wie weit kann man so was als „jugendliche Marotte“ einordnen oder wie weit ist die Schrankgeschichte überhaupt noch „normal“? Erstaunlich ist zudem noch, meine Mutter hat mich all dies gewähren lassen, es kam nicht zu der Aufforderung, den „Blödsinn“ sein zu lassen. Nein, der Schrank blieb so bis kurz vor meinem Auszug im Jahre 1984 in eine eigene Wohnung stehen! Erzählt habe ich all dies, weil man nun sehen wird, wenn ich zum eigentlichen Hauptteil der Geschichte komme, daß es da offenbar Zusammenhänge gibt, welche ich persönlich auch erst im Nachhinein erkennen konnte, wobei ich wieder beim Ausgangspunkt der Geschichte angelangt bin, einem Sommerabend im Jahr 1985.

Wie öfters in dieser Zeit besuchte ich auch diesen Abend meine Mutter. Es muss so 20°° Uhr gewesen sein. Draußen war es der Jahreszeit wegen noch hell. Zunächst nahmen wir ein Essen zu uns, um danach in der Küche verbleibend einen Kaffee zu trinken. So blieben wir (wie sonst meistens auch) am Küchentisch sitzen und fingen dort an, uns über „dies und das“ zu unterhalten, anstelle hierzu das Wohnzimmer aufzusuchen. Damit der Kaffee in der Kanne nicht kalt wurde, hielt meine Mutter ihn mit einem Stövchen warm. Wie sonst auch schien durch unser Gespräch die Zeit schneller als sonst zu vergehen. Draußen wurde es mittlerweile dunkel, es muß ca. 22°° Uhr gewesen sein. Mittlerweile stand die zweite Kanne Kaffee auf dem Stövchen, welches uns nun auch als Beleuchtung diente, es schien uns gemütlicher als die grelle Deckenlampe. Immer noch im Gespräch vertieft, muss es schon 23°° oder 0°° Uhr gewesen sein. Daher werde ich mich zu diesem Zeitpunkt wohl entschieden haben, bei meiner Mutter zu übernachten. Dennoch waren die Gespräche mal wieder so interessant, daß die nächste Kanne Kaffee in Arbeit ging. So saßen wir also (mal wieder) mitten in der Nacht in der Küche in Diskussionen vertieft, etwa so, als wenn wir uns vorher Jahre nicht gesehen hätten, als wir plötzlich unterbrochen wurden!

Obwohl die Küchentür verschlossen war, vernahmen wir beide ein Knarren der Dielen aus dem hinteren Bereich des Flures. Der erste logische Gedanke war: „es kommt jemand nach vorne zur Küche“. Der zweite Gedanke: „ Moment! Das kann ja nicht sein, außer uns beiden ist ja niemand in der Wohnung! (?)“ Was im Folgenden geschah, lässt sich nur sehr schwer beschreiben. Unsere erste Reaktion war wohl verständlich, wir waren erschrocken, „wer ist im Flur?“ Etwa zeitgleich schien es, als wenn sich zunächst die Raumtemperatur absenkte und sich zunehmend in der Luft etwas Negatives befand oder bildete. Bis hierhin kann man noch sagen, eine normale Reaktion, „es könnte sich ja z. B. ein Einbrecher in der Wohnung befinden.“ Aus dieser Angst heraus lassen die Symtome sich ja noch erklären, einschränkend mit der Frage: „Wer bricht ein, wenn jemand zuhause ist?“ All dies waren Gedanken, die uns wohl in Sekundenbruchteilen durch den Kopf gingen. Zeitgleich stieg die Gewissheit, „da ist wirklich jemand!“ Unsere nächste Reaktion war, völlig ruhig zu sein, um etwaiges weiteres Dielenknarren hören zu können. Ob die Dielen tatsächlich weiterhin knarrten, vermag ich heute gar nicht mehr zu sagen. Vielmehr verdichtete sich zunehmend die negative Spannung in der Luft. Wir bekamen nach und nach die Erkenntnis, wer oder was sich (tatsächlich!) hinten im Flur befand: „ Es ist ein Mann, den wir beide schon sehr lange kennen!“ Das genaue Aussehen, ebenso die Gewissheit darüber nahm in unseren Köpfen konkrete Gestalt an. Der Mann schien sich sowohl in unseren Köpfen, als auch zur selben Zeit hinten im Flur zu materialisieren. Zunehmend wurde auch die Luft zum „Zerreißen“. Infolge nahm das Gesicht meiner Mutter ein mir bis dahin unbekanntes Entsetzen an, was derzeit wohl auch dem Meinigen entsprach. Meine Mutter und ich waren uns bewusst, daß wir beide das Selbe wahrnahmen und erlebten. Ich wusste, daß meine Mutter dieselben Bilder und Gedanken im Kopf hatte wie ich und umgekehrt. Trotz dieses beidseitigen Wissens wollten oder mußten wir uns das gegenseitig bestätigen, indem wir uns mit dem, was wir sahen, in kurzen Stich- punkten eine Art „Gegenkontrolle“ verschafften. Die Stichpunkte, welche wir uns beinahe zuflüsterten, reichten aus, da sie bestätigten, daß wir beide das Selbe sahen und erlebten. Und was wir sahen und erlebten, will ich wie folgt beschreiben:

Ein Mann (etwa 50 Jahre, bärtig) hat sich in der Wohnung materialisiert! Wir wissen jetzt auch warum. Cirka im 16. Jahrhundert haben meine Mutter und ich bereits schon einmal gemeinsam gelebt (diese Erkenntnis wurde uns in diesem Moment offenbart!). Meine Mutter war wohl auch damals meine Mutter. Hingegen leider nicht genau sagen konnten wir, in welchem Verwandtschaftsverhältnis der Mann (den wir in diesem Leben nicht kennen), zu uns stand. Es ist möglich, daß er mein damaliger Vater oder der Lebensgefährte meiner Mutter war. Wir wissen aber, daß er damals irgendwann auf tragische Weise ums Leben kam. Weiterhin wissen wir, daß er uns daran die Schuld gibt. Aus diesem Grunde war er jetzt auch gekommen, um sich dafür an uns zu rächen, obgleich wir weiterhin von unserer Unschuld überzeugt sind! Aus dieser Konstellation heraus hat er sich im hinteren Flurbereich materialisiert und war nun auf dem Weg nach vorne (zur Küche).

Die Dinge, die sich in den folgenden Augenblicken ereignen werden, konnten wir in der Küche, zusammengekauert sitzend, vorherahnen / sehen: „Er bewegt sich (merkwürdig langsam) Richtung Küchentür. Da die Tür verschlossen ist, aber zwei Milchglasscheiben hat, wird sich die Kontur seines Gesichtes bald dahinter abzeichnen. Neben seinem hasserfüllten Gesichtsausdruck fallen uns vor allem seine Augen auf, von welchen eine negative Energie auszugehen scheint.“ Weiterhin ahnten / sahen wir voraus, was passiert, nachdem sein Gesicht hinter dem Glas erscheinen wird: „Die Tür wird sich öffnen. Der Blick seiner stechenden hasserfüllten Augen wird uns treffen und es wird etwas Furchtbares (unser Tod?) eintreten!“ Wir ahnten, daß es allein sein Blick sein wird, nur die Kraft seiner Augen, die das hereinbrechende Unheil geschehen lässt! All dies vorausahnend warteten wir eigentlich nur den weiteren Verlauf ab, mit dem Wissen, daß jediglicher Widerstand zwecklos wäre. Wie gelähmt, wir merkten, daß wir kaum noch in der Lage waren, uns zu bewegen, nahmen wir wahr, wie er sich der Küchentür immer weiter näherte...

Was nun völlig unerwartet und überraschend eintrat, kann ich mir (im Nachhinein) nur mit einem abrupten Verschwinden des Phänomens / Spuks erklären: Blitzartig sprang ich auf, riss die Küchentür auf und machte dann (so finde ich heute) einen großen Fehler. Anstelle zu schauen, ob im Flur jemand zu sehen war, begab ich mich zur Wohnungstür, um diese eben so schnell, wie davor die Küchentür, aufzureißen, um zu sehen, ob jemand im Treppenhaus war (wo niemand war). Wahrscheinlich war es mein gesunder Menschenverstand, der mich so handeln ließ. Denn rationell wäre es wahrscheinlicher, daß eine (fremde) Person sich eher vor der Wohnungstür, als ungebeten im Wohnungsinneren aufhält. Jedenfalls habe ich nichts und niemanden mehr wahrgenommen, ebenso meine Mutter. Auf fiel uns jedoch, daß die negative Energie in der Luft nicht gänzlich verschwunden war, sondern sich eher langsam auflöste. 

Mittlerweile war es cirka 2°° bis 3°° Uhr früh. Natürlich gingen wir jetzt noch immer nicht ins Bett, sondern unterhielten uns und verarbeiteten das eben Erlebte, versuchten uns an weitere Details über unser damaliges Leben zu erinnern, was uns aber kaum möglich war. Nunmehr kreisten unsere Gedanken und Gespräche um „den Mann“, wie er aussah, welche Kleidung er trug, wobei meiner Mutter dann die Geschichte mit der Wiese (welche ich anfangs erzählte) einfiel und ihr auffiel, daß es der selbe Mann von damals war! Folglich war es für meine Mutter die zweite, für mich die erste „Begegnung“ mit ihm. Für mich sollte es jedoch noch nicht die letzte sein, wie sich später noch zeigen wird.

Bevor ich fortfahre, möchte ich jedoch auf den eben beschriebenen Teil der Geschichte eingehen, da er gleich mehrere Fragen aufwirft. Als was kann man das eben beschriebene Phänomen deuten? War es eine Geistererscheinung im klassischen Sinne, ein Spuk? Auffallend war, daß meine Mutter und ich „den Mann“ nicht tatsächlich leibhaftig vor uns stehen sahen (dazu kam es nicht mehr, da das Phänomen vorher abbrach). Dennoch haben wir beide gewusst / gespürt, daß sich die Erscheinung im Flur der Wohnung befand. Da wir in der Küche saßen, konnten wir ihn somit nicht direkt sehen. Trotzdem wussten wir, wer sich warum materialisierte. Woher kamen die „Bilder“ in unseren Köpfen? Warum haben wir mit großer Sicherheit die selben Bilder gesehen bzw. erlebt? War hier evtl. Telepathie, möglicher- weise gar in Verbindung mit Halluzination im Spiel? Diese Möglichkeit halte ich eigentlich aus drei Gründen für abwegig. Erstens: Die Geschichte war aus meiner Sicht zu konkret, um sie als reines Produkt der Fantasie zu erklären. Interessant war besonders, daß durch das Phänomen gleichsam eine Wiedererinnerung in uns ausgelöst wurde, nämlich die, daß wir schon einmal gelebt haben. Also beinhaltet das Phänomen neben Spuk den Bereich Reinkarnation (Wiedergeburt). Die ganze Geschichte baut auf einen Vorfall im 16. Jahrhundert auf, so erkannten wir einen damaligen Angehörigen wieder, den wir beide mit großer Sicherheit in diesem Leben nicht kennen. Zweitens: Meine Mutter hat den Mann bereits in ihrem Leben schon einmal gesehen, als sie als kleines Kind auf der Wiese lag. Drittens: Auch für mich war es nicht die letzte Konfrontation mit ihm. Außerdem glaube ich in der Lage zu sein, die Situa- tion auch heute noch (13 Jahre später) „heraufbeschwören“ zu können, bzw. die Erscheinung zuzulassen, was ich allerdings nicht möchte, da sie eine persönlich gefährliche Bedrohung darstellt. Die nächste Frage ist, wenn es sich um ein Spukphänomen handelt, ist es ein orts –oder personenbezogenes? Es ist auf keinen Fall ortsbezogen, denn es erschien erstmals meiner Mutter in Mecklenburg auf der Wiese, dann in meiner Mutters Wohnung, später auch mir ohne Beisein meiner Mutter an unterschiedlichen Orten, zuletzt im Beisein meiner heutigen Ehefrau. Dennoch tun sich noch zwei merkwürdige Fragen auf: Warum bildete sich das Phänomen im Flur der Wohnung meiner Mutter, warum nicht gleich in der Küche, wo wir uns aufhielten? Die zweite noch interessantere Frage, ich hatte anfangs von den seltsamen Erlebnissen im Flur (Geheimtür, Kleiderschrank) berichtet. Stehen diese Erlebnisse in irgendeinem Zusammenhang mit dem Spuk? Genau kann ich diese Frage auch nicht beantworten, eine mögliche Erklärung wäre vielleicht, daß ich damals schon eine (unbewusste) Vorahnung hatte, was sich hier einige Jahre später ereignen wird. Hat meine Mutter damals etwa schon die Vorahnung mit mir geteilt, und hat mich vielleicht deshalb die merkwürdigen Dinge (Geheimraum hinten im Flur) gewähren lassen? In dem Zusammenhang möchte ich noch kurz eine Nebengeschichte erzählen, da sie ebenfalls hinten im besagten Flur spielt.

Einige Zeit nach dem Erlebnis hatte meine Mutter ein weiteres, welches allerdings nicht im direkten Zusammenhang zu stehen scheint. Abends im Wohnzimmer sitzend, die Tür war offen, bemerkte sie davor im Flur ein merkwürdiges Objekt. Sie beschrieb es in groben Formen als ein menschenähnliches leuchtendes Objekt, welches nicht auf dem Boden stand, sondern eher etwas darüber zu schweben schien. Von dem Objekt ging ein weißliches Leuchten aus, von derem Inneren eine Art stetige Strömung nach außen ging, welche man sich etwa wie viele tausende Punkte vorstellen muß, ohne aber, daß sich der Umriss des Objektes  veränderte, wie ein geschlossener Kreislauf. Meine Mutter mußte mehrmals hinsehen und wieder wegschauen, um zu glauben, was sie sah. Von dem Objekt ging offenbar nichts Negatives aus, da meine Mutter keine Angst hatte, es eher „lustig“ fand. Irgendwann war es einfach verschwunden. Wiederum später saß meine Mutter wieder im Wohnzimmer, als sie aus der hinteren Flurnische seltsame Klopfgeräusche vernahm. Als sie aufgrund dessen den Vorhang zur Nische öffnete, so schilderte sie, sagte eine Stimme „Komm Heeeeeer“, dies in einer merkwürdigen krächzenden Tonart und einer bedrohlichen Weise, worauf sich meine Mutter zunächst aus Angst nicht mehr in die Flurnische traute. Diese beiden eben genannten Fälle scheinen nicht im Zusammenhang mit „dem Mann“ zu stehen, wobei sich auch diese wiegbesagt im selben Flur zutrugen. 

Bevor ich jetzt mit eigenen weiteren Erlebnissen bezüglich „des Mannes“ fortfahre, möchte ich bezüglich meiner Mutter noch etwas anmerken. Leider steht sie heute nicht mehr ohne Weiteres als Zeugin der beschriebenen Dinge zur Verfügung, da sie sich persönlich von der Möglichkeit „Spukphänomen“ völlig distanziert hat. Vielmehr gibt sie heute an, „es wären lebendige Menschen – keine Geister - zu den geschilderten Zeiten in der Wohnung gewesen, Menschen, welche die Absicht verfolgen, sie in den Wahnsinn zu treiben...“ Diese Aussage möchte ich hier nicht weiter kommentieren, außer dass ich weiterhin zu dem Selbsterlebten stehe.

Zurück zur nächsten Konfrontation, machen wir wieder einen Zeitsprung, diesmal zum Herbst 1988, Ort ist diesmal das Berliner Museum „Neue Nationalgalerie“. Meine damalige berufliche Funktion als Wachmann verschlug mich seinerzeit allnächtlich an diesen Ort, um sozusagen das Museum vor Räubern zu schützen. Unter Anderem war es meine Aufgabe, in Abständen Kontrollgänge durchzuführen. In der Zeit zwischen den Kontrollgängen konnte ich mich in der Regel mit Dingen wie Lesen oder Schreiben beschäftigen. So auch in der besagten Nacht, als mir mal wieder das Erlebnis mit „dem Mann“ bei meiner Mutter durch den Kopf ging, ebenso dadurch bedingt die Themen Wiedergeburt und Sinn des Lebens. Offenbar befasste ich mich gedanklich dermaßen intensiv damit, daß ich in Folge etwas tat, was mir zuvor noch nie in den Sinn kam: All die Erlebnisse und Gedanken verfasste ich in einem Text, einer Art Gedicht mit dem Titel „Begreifen, was ist“. Das Niederschreiben empfand ich wie ein Diktat, als wenn es nicht meine Worte waren, ich schrieb nur das, was ich „hörte“. Das war schon seltsam. In cirka 10 Minuten war der Text, der im späteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird, niedergeschrieben.

Nun war es wieder soweit, ich mußte den nächsten Kontrollgang machen. Mitten in der Nacht, draußen regnete es, traute ich plötzlich meinen Augen nicht: Aus einer der durch den Regen nassen Steinplatten starrte mich ein Gesicht an, der bärtige Mann!

Innerhalb von Sekundenbruchteilen rasten mir dann neben dem Schrecken viele Gedanken durch den Kopf. „Das kann doch nicht sein. Ich muß mich geirrt haben“, und schaute absicht- lich weg. „Ich bin doch im Dienst. Das darf hier nicht passieren“, usw. Mit aller Gewalt wollte ich nicht wahrhaben, was ich glaubte zu sehen, doch hatte ich den inneren Zwang, noch einmal hin zu schauen: In der Steinplatte war kein Gesicht mehr. Ich versuchte dann schnell zu vergessen, mir selbst zu sagen, „da gingen nur deine Nerven mit dir durch“. Schließlich mußte ich einen klaren Kopf behalten und meine Arbeit verrichten. Ob da nun tatsächlich ein Gesicht war oder nicht, vermag ich bis heute nicht zu sagen. Sagen kann ich nur, daß ich bis 1994 in der „Neuen Nationalgalerie“ tätig war und daß ich bis dahin dort kein weiteres Erlebnis dieser Art hatte.

F. K. , September 1998

Anhang:

Begreifen, was ist

Es gibt Gefühle, die wir nicht begreifen,
und doch sind sie vorhanden, fern aus unserer Sicht

Es gibt die Energie, welche uns packt,
und doch begreifen wir sie nicht

Es gibt Welten, scheinbar sehr weit weg,
und doch sind wir mittendrin im Licht

Es gibt das Universum mit all seinen Sternen,
und doch sind sie es nicht

Es gibt Erinnerungen, die wir nicht begreifen,
und doch sagen uns Stimmen, das es ist

Es gibt vieles, was wir jetzt noch nicht begreifen,
und doch war da dieses Licht, denn:

Es gibt, was wir suchen,
ohne auch nur zu ahnen, was wirklich ist!



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