Dimension XY


Das Porträt einer Mörderin

von Ernst Meckelburg

Jean Lebrun starrte entsetzt auf das Bild der hübschen Frau, das er in nur einer Nacht gemalt hatte. Wenn die Behauptung der Concierge stimmen sollte, war Cretel Pederson schon seit einem Jahr tot – wegen Mordes hingerichtet. Irrtum war ausgeschlossen, denn beide Frauen hatten sich gut gekannt.

Auf Lebrun wirkte die Nachricht vom Tode der jungen Frau wie ein Keulenschlag, denn er hatte sie erst am Abend zuvor kennengelernt und sich mit ihr unterhalten! Von ihrer ungewöhnlichen Attraktivität hellauf begeistert, hatte er sie gebeten, ihn in sein Studio zu begleiten, um sie in nur einer Sitzung zu porträtieren.

All dies erzählte Lebrun der verblüfften Concierge, die immer noch nicht glauben konnte, was sie zu sehen bekam. Es wollte ihr nicht einleuchten, daß eine Tote zurückgekommen war, um sich porträtieren zu lassen. Dennoch – die Pederson, die sie gekannt hatte, und die Frau auf dem Bild waren ein und dieselbe Person, daran bestand kein Zweifel. Wen oder was aber hatte Lebrun dann gesehen, mit wem hatte er sich die Nacht zuvor unterhalten?

Es war an einem Sommerabend des Jahres 1913. Lebrun, ein vielversprechender junger Künstler aus der Provinz, hielt sich erst seit wenigen Wochen in Paris auf, um dort seine Studien fortzusetzen. Auf der Suche nach geeigneten Motiven bummelte er an jenem Abend wieder einmal ziellos durch das Montmartre-Viertel. Frauen gegenüber eher zurückhaltend, mußte er seinen ganzen Mut zusammennehmen, um ein junges Mädchen anzusprechen, das da an einem Laternenpfahl lehnte. Sie schaute so hilflos drein, als ob sie nicht wüßte, wo sie hingehörte. Lebrun entschloß sich, ihr seine Hilfe anzubieten. Als er sie grüßte, hob sie ein wenig ihren Kopf, so daß er ihr voll ins Gesicht blicken konnte. Lebrun reagierte mit unverhohlenem Staunen, denn nie zuvor hatte er ein derart schönes Gesicht gesehen.

Angetan von soviel Schönheit, bat er sie höflich, ihm Modell zu stehen. Für einen Augenblick sah sie ihn fragend an. In ihren Augen spiegelte sich Furcht. Dann aber sagte sie mit ruhiger Stimme: „Ein Porträt wird sicher mehrere Sitzungen beanspruchen, doch meine Zeit ist leider kurz bemessen. In dieser Nacht könnte ich Modell stehen, morgen jedoch weiß ich nicht...“

Begeistert entschloß sich Lebrun, das Gemälde in einer Nacht zu vollenden. Er bat sie so inständig, daß sie schließlich einwilligte und ihn wortlos nach Hause begleitete.

In seinem Studio angekommen, bot Lebrun ihr eine einfache Mahlzeit an. Sie schlug sein Angebot mit der Bemerkung aus, daß sie zu so später Stunde nichts mehr zu sich nähme. Dann begann der Künstler in großer Eile mit der Arbeit – eine perfekte Studie in Schwarz und Weiß.

Das Gesicht des Mädchens war von durchsichtiger Blässe. Sie trug schwarze grobgewebte Kleidungsstücke, und um ihren Hals schlang sich ein breites schwarzes Band. Als er sie das Band abzulegen bat, da es ihn irritierte, starrte sie ihn entsetzt an und weigerte sich, seinem Wunsch nachzukommen.

Lebrun arbeitete unentwegt bis in die frühen Morgenstunden. Das Mädchen saß ganz ruhig da und schwieg. Die Stunden verrannen. Während einer kurzen Verschnaufpause fragte er sie nach ihrer Nationalität. Sie antwortete ihm, daß sie Skandinavierin gewesen sei. Lebrun lachte daraufhin und meinte, wenn sie bisher Skandinavierin gewesen sei, dann wäre sie dies wohl auch heute noch. Seine Worte schienen das Mädchen völlig aus der Fassung zu bringen, denn sie seufzte: „Es ist alles so verwirrend. Ich kann mich nicht genau erinnern, wer ich bin. Und ich weiß auch nicht, wo ich mich morgen oder zu einer anderen Zeit in der Zukunft aufhalten werde.“

Am dunstverhangenen Horizont dämmerte schon der neue Tag herauf, als Lebrun den Pinsel beiseite legte. Die Ähnlichkeit des Gemäldes mit dem Modell war frappierend. Nur das breite Halsband fehlte. Lebrun hatte es weggelassen, weil es ihn störte. Das Mädchen drängte zum Aufbruch. Sie erhob sich und zog ihren schwarzen Mantel an, den sie während der Sitzung abgelegt hatte. Lebrun wunderte sich ein wenig, warum ein junges Mädchen diese dunklen Kleider trug. Er fühlte sich zu ihr hingezogen und er hätte sie gern einmal in Seide oder Satin gemalt.

Grußlos entfernte sich das Mädchen. Lebrun, der ihr nacheilte, vermochte sie in der Morgendämmerung nicht mehr zu erkennen. Wäre da nicht das Geräusch ihrer Schritte gewesen, die in der Ferne verhallten, hätte er annehmen müssen, daß es sie gar nicht gäbe, daß dies alles nur ein Traum gewesen war.

Später besuchte ihn die Concierge, um die Miete zu kassieren. Als ihr Blick die Staffelei streifte, auf der das frischgemalte Bild des Mädchens stand, rief sie verblüfft: „Welch eine Ähnlichkeit mit Gretel Pederson. Sie müssen ihr Foto in der Zeitung gesehen haben, nachdem sie des Mordes an ihren Eltern und ihrem Ehemann überführt und hingerichtet worden war.“ Lebrun erstarrte. Von dem Mordfall erfuhr er in diesem Augenblick zum ersten Mal, und ihr Bild hatte er zuvor – zumindest bewußt – nie gesehen. Die Angelegenheit begann, ihn zu beunruhigen.

Nach stundenlangem Grübeln fand er für das merkwürdige Erlebnis nur eine Erklärung: Er mußte in der Nacht, als er das Porträt malte, völlig überarbeitet gewesen sein. Das Ganze beruhte offenbar auf Einbildung. Vielleicht hatte er das Bild des Mädchens doch in irgendeiner Zeitung gesehen, als er an einem der zahlreichen Pariser Kioske vorbeigekommen war. Möglicherweise waren ihre Gesichtszüge in seinem Unbewußten haften geblieben.

Noch während er hierüber nachdachte, klopfte jemand an die Tür. Sein Freund Julian Sant trat ein und überraschte ihn mit der Feststellung: „ Lebrun, du kannst mich ruhig einen Narren schelten, aber gestern abend habe ich ein Phantom gesehen. Es war am frühen Abend, etwa gegen 8 Uhr. Nicht weit von hier begegnete mir ein junges attraktives Mädchen, das ich zuvor schon irgendwo einmal gesehen hatte. Ihr hübsches Gesicht kam mir sehr bekannt vor; sie muß vor nicht allzu langer Zeit im Blickpunkt der Öffentlichkeit gestanden haben. Die Sache ließ mich nicht los. Gespannt blätterte ich in verschiedenen Zeitungsarchiven nach. Dabei stieß ich auf ein Foto von dieser Frau – ich hatte mich nicht getäuscht, es war Gretel Pederson, die man vor einem Jahr zum Tode durch Strang verurteilt hatte.“

Wortlos deutete Lebrun auf das noch frische Porträt. Sant stieß aufgeregt hervor: „Ja, das ist sie. Aber als ich sie sah, trug sie ein breites schwarzes Band um den Hals. Doch das ist nicht alles: Gestern jährte sich der Tag ihrer Hinrichtung.“

Von einer Welt jenseits der unsrigen aus gesehen, gibt es keine zeitlichen Abläufe, wie wir sie kennen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen miteinander. Wehe dem, der sich im Labyrinth der Zeitlosigkeit verirrt. Das Schicksal eines „fliegenden Holländers“ dürfte ihm sicher sein.

Mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch: 
Ernst Meckelburg – Dimension XY, Grasmück-Verlag 1999. 
© Verlag K. Grasmück, Altenstadt



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