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Dimension XY Ein Schritt zuvielvon Ernst Meckelburg Einer der seltsamsten Fälle in der kanadischen Kriminalgeschichte ist das Verschwinden des zwölfjährigen Farmersohns Michael Norton. Die Tragödie begann an einem Novembermorgen des Jahres 1928. Die Suche nach dem vermissten Jungen, den die Behörden nie ganz aufgegeben hatten, erstreckte sich über viele Jahre. Das merkwürdigste an diesem Fall aber war, daß sowohl seine Eltern als auch zahlreiche Personen, die sich seinerzeit an den Suchaktionen beteiligt hatten, behaupteten, stets an der gleichen Stelle nur wenige Meter über dem Boden seine Stimme vernommen zu haben. Es war, als ob er an diesem Fleck unsichtbar über ihnen schwebte. Obwohl die dem Ereignis vorausgegangenen Geschehnisse leicht rekonstruiert werden konnten, war den Folgen, die sich aus dem Verschwinden des Jungen ergaben, mit kriminalistischer Logik nicht beizukommen. Michael, der schon früh das Melken gelernt hatte, war ein ganz normaler, gesunder Junge, dessen Fähigkeiten vermuten ließen, daß er eines Tages genau wie sein Vater ein umsichtiger, erfolgreicher Milchfarmer werden würde. Am Morgen seines Verschwindens hatte er beinahe verschlafen. Als seine Mutter das Frühstück zubereitete, kam er rasch nach unten, um sich vor der Arbeit und dem anschließenden Schulgang zu stärken. Dies zeigt eindeutig, daß sich Michael an jenem verhängnisvollen Morgen tatsächlich im elterlichen Wohnhaus aufgehalten hatte – dieser Feststellung kommt angesichts des nachfolgenden Geschehens besondere Bedeutung zu. Seine Eltern, eine Tante und zwei Farmarbeiter sahen ihn wie immer am Frühstückstisch sitzen, und sie neckten ihn noch, weil er verschlafen hatte. Der Junge reagierte hierauf mit der ihm eigenen Gelassenheit. Unmittelbar nach dem Frühstück ergriff er unaufgefordert Melkstuhl und Eimer in der Absicht, vor dem Unterricht noch die Kühe zu melken. Als er das Haus verlassen wollte, lief ihm seine Mutter nach, um ihm noch ein warmes Tuch um den Hals zu binden. Sie blieb dann an der Tür stehen und sah, wie er etwas schwerfällig zum Kuhstall hinüber trottete. Noch konnte sie nicht ahnen, daß sie ihren Sohn nie mehr wiedersehen sollte. Eine Stunde später wunderte sich Ruth Norton über das Ausbleiben ihres Sohnes. Sie rief ihm zu, er solle sich beeilen, um nicht zu spät zur Schule zu kommen. Michaels jüngster Bruder und seine Schwester warteten ungeduldig auf ihn, damit er sie zur Schule begleitete. Da der Junge nicht antwortete, zog Mr. Norton seine Arbeitsstiefel an und ging nach draußen, um Michael zu holen. Als er den Stall betrat, war von ihm nichts zu sehen. Er fand dort lediglich den Melkstuhl und einen halbvollen Eimer Milch. Alles deutete darauf hin, daß sein Sohn noch während des Melkens durch irgend jemand oder irgend etwas gestört worden war. Norton suchte jeden Winkel des Stalles ab, ohne auch nur eine winzige Spur seines Sohnes zu entdecken. Schließlich beteiligten sich die gesamte Familie und seine Arbeiter an der Suche. Sie kämmten systematisch die ganze Farm und deren nähere Umgebung ab. Der Junge war und blieb verschwunden. Über das Ausbleiben seines Sohnes ernsthaft besorgt, fuhr Mr. Norton in den nahegelegenen Ort, Burtons Falls, um die Polizei zu benachrichtigen. Norton und der Polizeichef vermuteten zunächst, daß der Junge von zu Hause weggelaufen und vielleicht Opfer eines Unfalls geworden war oder daß man ihn gekidnappt hatte. Der Sheriff meinte, nicht alle Kriminellen wüßten, daß ein kleiner Farmer wie Norton gar nicht in der Lage war, ein hohes Lösegeld zu zahlen. Wenige Stunden später erschien die Polizei auf Nortons Farm. Die Beamten brachten einen Bluthund mit, den man auf Michaels Fährte ansetzte. Es sollte nicht lange dauern, bis dieser die Spur aufgenommen hatte – sie führte von der Küchentür direkt zum Stall. Der Hund watschelte breitbeinig zu den ersten Kühen und dann gleich wieder nach draußen, wo er zunächst die Spur verlor. Da der Stall im rechten Winkel zum Wohnhaus lag, hätte man Michael Norton beim Weglaufen nicht sehen können. Unschlüssig bewegte sich der angeleinte Hund im Zickzack hin und her. Doch bald hatte er die Fährte des Jungen wieder aufgenommen. Sie führte geradewegs zur nicht eingezäunten südlichen Weide, einem Feld, das sowohl vom Haus als auch von einem nahegelegenen Weg aus uneinsehbar war. Norton folgerte daraus, sein Sohn sei bloß über die Weide gelaufen, um dem Briefkasten am Ende des Pfades die Post zu entnehmen. Er schloß nicht aus, daß sein Sohn dort einen Schulfreund getroffen und diesen ein Stück Wegs begleitet hatte. Dies aber entsprach nicht Michaels Gewohnheit. Er war ein pflichtbewußter Junge, der wußte, daß Bruder und Schwester auf ihn warteten. Zudem sollte sich bald herausstellen, daß diese Vermutungen völlig unbegründet waren, denn niemand im Ort hatte Michael gesehen. Der Hund, der die ganze Zeit über aufgeregt an der Leine zerrte, blieb plötzlich ohne erkennbare Ursache wie angewurzelt stehen. Er hatte inzwischen etwa die Mitte der Weide erreicht. Verärgert forderte der Hundeführer das Tier auf, weiterzusuchen, der Hund aber winselte nur und blickte seinen Herrn ratlos an. Er schien sich seiner Sache nicht mehr sicher zu sein. Nach einer Weile begann er, sich in immer größer werdenden Kreisen zu bewegen, offenbar in dem Bestreben, dadurch die Spur des Jungen wiederentdecken zu können. Die absolute Hilflosigkeit des Tieres war für jeden erkennbar. Sein Geruchssinn versagte vor etwas, das sich der Hundeführer nicht erklären konnte. Was die Männer auch immer versuchten, die Spur schien an einer bestimmten Stelle zu enden; es war, als habe sich der Junge in Luft aufgelöst. Die Fakten lagen auf der Hand: Michael Norton war nach Verlassen des Stalles bis zur Mitte des Feldes gegangen, bis zu einer Stelle, wo er, zumindest physisch, zu existieren aufgehört hatte. Er mußte in etwas hineingeraten sein, das keine Spuren hinterließ, einen Bereich, von dem aus es keine Umkehr mehr gibt. Bei der ersten Suchaktion ließen es die leidgeprüften Eltern nicht bewenden. Man organisierte weitere Suchtrupps und setzte andere Spürhunde auf Michaels Fährte an. Aber keine dieser Maßnahmen brachte den ersehnten Erfolg. Alle Spuren endeten eindeutig an der ominösen Stelle inmitten der Südweide. Niemand konnte Michael mitgenommen, d.h. weggetragen haben, ohne selbst Spuren zu hinterlassen. Kein Fremder war damals in der Gegend gesehen worden, und Einheimische kamen zur fraglichen Stunde ohnehin nicht an der Farm vorbei. Hinzu kommt, daß die Suchhunde die Anwesenheit weiterer Personen bemerkt und auch deren Spur verfolgt hätten. Die Tiere waren für das Aufspüren von Vermißten und von verlorengegangenen Gegenständen bestens ausgebildet. Michael Norton blieb auch weiterhin verschwunden. Dennoch: Etwas Merkwürdiges schien darauf hinzudeuten, daß er sich nach wie vor nahe des elterlichen Anwesens aufhielt. Einige Tage nach seinem Verschwinden, als die Nortons die Hoffnung, ihren Sohn jemals lebend wiederzusehen, bereits aufgegeben hatten, glaubten sie plötzlich, seine Stimme zu vernehmen. Sein „Mum“ (Mutti) klang wie ein verzweifelter Hilferuf, und er kam eindeutig von draußen. Die Nortons stürzten sofort ins Freie und riefen aus Leibeskräften nach ihrem Sohn; dann hielten sie inne, um auf Antwort zu warten. Weit und breit war niemand zu sehen. Wieder vernahmen sie ein zaghaftes „Mum“. Das Ehepaar war sich einig, daß es Michael war, der nach ihnen rief. Um sicherzugehen, daß ihnen niemand einen üblen Scherz gespielt hatte, suchten sie sofort alle Nebengebäude ab, ohne dort jemanden zu finden. Immer mehr riefen sie den Namen des Jungen. Auf ihr Rufen erhielten sie jedoch keine Antwort. Eine halbe Stunde später, als sie sich im Hof ihres Anwesens aufhielten und verzweifelt in die Dunkelheit starrten, vernahmen sie erneut den Ruf „Mum“, dem diesmal ein deutliches „Wo seid ihr?“ folgte. In den darauffolgenden Wochen besuchten viele Menschen Nortons Farm, und einige von ihnen wollen ebenfalls die körperlose Stimme Michaels, der immer wieder um Hilfe rief, gehört haben. Im Laufe der Zeit wurde die Stimme schwächer und schwächer, bis sie eines Tages völlig ausblieb. Ob sich Michael Norton, wo immer er sich dann befand, jemals mit seinem Schiksal abgefunden hat? Eine der natürlichsten Erklärungen, die geäußert wurden, um sein Verschwinden zu erklären, war die, er sei möglicherweise in ein unterirdisches bis dahin unentdeckt gebliebenes Flußbett, in einen alten stillgelegten Brunnen oder ganz einfach in einen Erdspalt gestürzt. Diese Hypothesen wurden aber schon bald verworfen, nachdem Vermessungsingenieure das Terrain überprüft und keinerlei Bodenanomalien entdeckt hatten. Eine Luftbildaufnahme von der dortigen Umgebung wurde analysiert, um etwaige Bodenunregelmäßigkeiten besser feststellen zu können. Eine sorgfältige Überprüfung der Aufnahme ergab keine Anhaltspunkte für irgendwelche Erdrisse, Bodensenken usw. Nicht lange nach dem tragischen Ereignis verkauften die Nortons ihre Farm und suchten sich eine neue Bleibe. Das Interesse der Öffentlichkeit an diesem ungelösten Fall ebbte ab. Er wurde schließlich zu den Akten gelegt. Ein phantastisch anmutender Aspekt eröffnet sich all denen, die das Wesen von Raum und Zeit nach den Vorstellungen Albert Einsteins und anderer fortschrittlich eingestellter Physiker flexibler als bisher interpretieren. Demzufolge könnte Michael Norton durch eine Laune der Natur im Strom der Zeit verschwunden, d.h. in eine andere, für uns nicht erkennbare Realität versetzt worden sein. Vertreter der neuen, erweiterten Physik schließen heute – zumindest theoretisch – die Möglichkeit einer spontanen Versetzung von Personen und Sachen nicht aus. Vielleicht führte einer der Schritte, die der Junge an jenem verhängnisvollen Morgen machte, in eine andere, d.h. in eine vergangene oder zukünftige Zeit bzw. in ein Paralleluniversum, was immer wir uns hierunter vorzustellen haben. Seine zusammenhanglosen Äußerungen, die Art, wie seine Stimme einmal lauter, ein anderes Mal leiser zu vernehmen war, läßt darauf schließen, daß er in einer Umgebung weilte, die sich noch am anschaulichsten als „dichter Nebel“ bezeichnen läßt. Dennoch hat es den Anschein, als ob er sich frei bewegen konnte. Ungeachtet der Tatsache, daß er aus dem Kreis seiner Familie physisch verschwunden war, schien er sich noch lange Zeit in der Nähe der Nortonschen Farm aufgehalten zu haben: räumlich nahe, jedoch zeitlich versetzt, so daß er nicht körperlich in Erscheinung treten konnte. Wenn Michael tatsächlich das Opfer einer unfreiwilligen Zeitversetzung geworden ist, müßte er in einer Zeit aufgetaucht sein, in der es entweder die Nortonsche Farm noch gar nicht gab oder in der sie bereits verfallen war. Dies könnte die Orientierungs- und Hilflosigkeit des Jungen erklären. Legt man also die Zeitversetzungshypothese zugrunde, wäre noch zu klären, warum der unsichtbare Junge noch lange zu hören war. Hier drängt sich eine einfache Analogie auf, mit der sich dieses Phänomen leidlich verdeutlichen läßt: Zwei Nachbarn unterhalten sich im Hausflur miteinander. Der eine steht am Fuße der Treppe, der andere im dritten Stock. Beide sprechen problemlos miteinander, können sich aber gegenseitig nicht sehen, da sie sich auf zwei verschiedenen Ebenen befinden, die im Fall Norton unterschiedlichen Zeiten entsprechen. Michael, der seiner bisherigen Zeit näher stand als der für ihn unnatürlichen neuen Situation, konnte durch seine enge Verbundenheit mit jener und und angetrieben von der Kraft der Verzweiflung die normalerweise undurchdringliche Mauer der Zeit überwinden und Hilferufe aussenden; die in unserer Realität dann auch empfangen wurden. Möglicherweise verursachte eine noch unentdeckte physikalische Gesetzmäßigkeit eine „Öffnung“ im Raum-Zeit-Gefüge, in die der Junge von der Weide aus zufällig hinein gesaugt wurde. Sehr wahrscheinlich wären gravierende Abweichungen von den Naturgesetzen für das menschliche Auge in irgendeiner Form erkennbar, sie könnten sich z.B. durch „Nebel“ oder ungewöhnliche Leuchterscheinungen bemerkbar machen. Vielleicht war es ein derart instabiles Gebilde, dem sich Michael unwissend näherte, um von einer bestimmten Stelle aus in das Zentrum des „Zeitwirbels“ gesaugt und von dort in eine andere Zeitperiode versetzt zu werden. Mit
freundlicher Genehmigung aus dem Buch:
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