Dimension XY


Das ewige Licht – von immer 
brennenden Lampen

von Ernst Meckelburg

Wissenschaftler beschäftigen sich schon seit langem mit dem Phänomen der „immer brennenden Lampen“, die früher beim Öffnen antiker Grabstätten gefunden wurden. Dennoch konnte bislang niemand genau sagen, wie diese Lampen funktionierten, woher sie ihre nicht versiegende, lichtspendende Energie bezogen. Die Erfinder dieser Wunderlampen scheinen ihr Geheimnis mit ins Grab genommen zu haben. Bei den alten Ägyptern, Griechen und Römern war es Brauch, brennende Lampen in die Gräber der Verstorbenen zu stellen. Die einen glaubten, durch diese Gabe den Gott des Todes versöhnlich zu stimmen, die anderen hofften, hiermit den Toten helfen zu können, ihren Weg durch das Tal der Schatten zu finden. Als dann später dieser Brauch fast überall eingeführt war, wurden den Toten nicht nur echte Lampen, sondern auch Miniaturen aus gebranntem Ton mit ins Grab gegeben.

Einige Grablampen wurden zum Schutz vor äußeren Einflüssen in runde Gefäße eingeschlossen. Als man sie fand, enthielten sie verschiedentlich noch den gesamten Ölvorrat, und dies nach mehr als 2000 Jahren. Geradezu sensationell muten Berichte an, nach denen einzelne Lampen noch gebrannt haben sollen, als man die Grabstätten, in denen sie sich befanden, nach Jahrhunderten öffnete.

Man fragt sich, welcher Brennstoff wohl benutzt wurde, um die für die Beleuchtung benötigte Energie über so lange Zeiträume hinweg sicherzustellen. Nach umfangreichen, wissenschaftlichen Untersuchungen kam man zu dem Ergebnis, daß es den Priestern und Tüftlern des Altertums offenbar gelungen war, Lampen herzustellen, die zwar nicht ewig, dafür aber einige Jahrhunderte ununterbrochen leuchteten.

Während des Mittelalters befaßte sich eine ganze Reihe von Gelehrten mit dem Phänomen dieser „Dauerbrenner“. Einer von ihnen – Athanasius Kircher (1602-1680) – schrieb darüber in seinem Werk Oedipus Aegypticus: „Es hat sich herausgestellt, daß nicht wenige dieser Lampen Teufelswerk sind, und ich persönlich glaube, daß sogar alle Lampen, die in den Grabstätten gefunden wurden und die der Verehrung verschiedener heidnischer Gottheiten gewidmet waren, dieser Natur sind. Und dies nicht allein, weil sie, wie berichtet wurde, mit ewiger Flamme brennen, sondern weil sie vom Teufel in der heimtückischen Absicht geschaffen wurden, immer neuen Glauben an falsche Götter zu züchten.“

Nachdem damals anders argumentierende Gelehrte die Existenz von immer brennenden Lampen, an deren Herstellung „der Teufel selbst maßgeblich beteiligt war“, bejaht hatten, verwarf Kircher seine eigene Theorie und versuchte es mit einer neuen, sachlicheren Deutung: „In Ägypten gibt es reiche Vorkommen an Asphalt und Petroleum. Die klugen Priester machten also nichts anderes, als die Asbestdochte einer oder mehrerer Lampen mittels einer verborgenen Leitung direkt mit den Öllagern zu verbinden. Dies und nicht irgendein Teufelswerk ist die Lösung des Rätsels der immer brennenden Lampen.“

Solche Lampen wurden in allen Teilen der Welt gefunden. Von Numa Pompillas, dem zweiten König Roms, der auch als bedeutender Magier galt, wird behauptet, daß er in seinem Tempel ein immer brennendes Licht aufstellen ließ. Plutarch (60-140 n.Chr.) erwähnte in einem seiner Werke eine Lampe, die seit Jahrhunderten über dem Tor zum ägyptischen Tempel von Jupiter Ammon brannte, St. Augustin (354-430 n.Chr.) beschrieb eine Lampe im Tempel der Isis, die weder Wind noch Wasser verlöschen konnte. Auch er glaubte, daß sie ein Werk Satans sei.

Während der Regierungszeit Kaiser Justinians (um 526 n.Chr.) wurde in der Stadt Antiochia am Orontes, dem heute syrischen Antakya, in einer Nische über dem Stadttor eine immer brennende Lampe gefunden, die im Mauerwerk sorgfältig eingebunden war, um sie vor der Witterung zu schützen. Das auf der Lampe vermerkte Datum ließ erkennen, daß sie 500 Jahre lang gebrannt hatte. Bedauerlicherweise ist sie bei Kampfhandlungen zerstört worden.

Als man im Jahre 1401 das in der Nähe von Rom gelegene Grabmal des Pallas öffente, fand man dort am Kopf des Sarges eine „Laterne“, die den Bestattungsraum mehr als zweitausend Jahre ununterbrochen mit Licht versorgt haben soll. Zwischen 1534 und 1549, als Papst Paul der Dritte das Oberhaupt der katholischen Kirche war, öffnete man an der Via Appia in Rom ein Grab, in dem der noch vollständig erhaltene Körper eines schönen jungen Mädchens gefunden wurde, der in einer klaren Flüssigkeit schwamm. Als man den Sarg öffnete, erlosch eine in ihm aufbewahrte Lampe. Von dem Mädchen glaubte man, daß es sich um Tulliola, Ciceros Tochter, gehandelt habe, die im Jahre 44 v.Chr. starb.

Gemäß der Fama Fraternitas (Geschichte der Bruderschaft) war das Grab von Rosenkreutz (1378-1484), dem angeblichen Begründer des Ordens von Rosenkreuz, als es 120 Jahre nach seinem Tode geöffnet wurde, von einer Lampe beleuchtet, die an der Decke des Gewölbes hing.

In England entdeckte ein Landarbeiter eine seltsame Grabstätte, die eine ebenfalls an der Decke befestigte brennende Lampe enthielt. Als der Mann weiter in die Gruft eindringen wollte, löste er durch sein Gewicht einen unter den Fußbodenplatten verborgenen Mechanismus aus, der wiederum eine Statue aus schwerem Marmor bewegte. Sie richtete sich plötzlich aus ihrer sitzenden Haltung auf und schlug mit einem Knüppel auf die Lampe ein. Diese wurde völlig zerstört, so daß das Geheimnis um die Substanz, die lange Zeit Licht gespendet haben muß, nicht mehr geklärt werden konnte. Damals wurde angenommen, daß in jenem Grab ebenfalls ein Mitglied des Rosenkreuzer-Ordens bestattet war.

Schließlich fand man in Grabstätten nahe Memphis, aber auch in einigen Tempeln Indiens versiegelte Kammern und Gefäße, in denen brennende Lampen aufbewahrt waren. Als man sie der Luft aussetzte, verlöschten sie. Die Brennsubstanz zerfiel und verdunstete.

Im Laufe der Zeit wurden über die immer brennenden Lampen und die Beschaffenheit der lichtspendenden Substanzen die phantastischsten Theorien aufgestellt. Es dürfte höchst unwahrscheinlich sein, daß phosphorezierendes Material organischen Ursprungs, - z.B. wie das der Glühwürmchen – verwendet wurde, denn dieses würde nur solange Licht spenden, wie das selbststrahlende Objekt lebt. Dies ist aber in einem verschlossenen und versiegelten Raum undenkbar. Auch der Einsatz radioaktiven Materials erscheint völlig abwegig. Viel wahrscheinlicher ist die Verwendung von kaltem Plasma, das von einer Art Trockenbatterie oder einem ähnlichen Stromspeicher gespeist wurde. Die hiermit erzielte Spannung wäre zwar gering, die Lebensdauer dieser Energiequelle hingegen verhältnismäßig lang gewesen. Daß es solche Trockenbatterien und Kondensatoren bereits im frühesten Altertum gegeben haben mußte, bestätigt ein Fund des österreichischen Archäologen Wilhelm König, der mehrere Jahre für das irakische Museum in Bagdad tätig war. Er entdeckte 1936 an einem Hügel bei Khujut Rabu zusammen mit anderen Überresten eine „Vase“, die er zunächst für ein Kultobjekt der Parther hielt, jenem euroasiatischen Reitervolk, das sich um 250 v.Chr. am Ostufer des Kaspischen Meeres niedergelassen hatte. König beschrieb seinen Fund als „vasenartiges“ Gefäß aus hellgelbem Ton, in dem mittels Bitumen oder Asphalt ein Kupferzylinder befestigt war. Die Höhe der „Terrakottavase“ beträgt etwa 18 Zentimeter. Der Zylinder, dessen eine Öffnung durch eine mittels Asbest fixierte Kupferscheibe verschlossen ist, besitzt eine Höhe von 12,5 Zentimetern und einen Durchmesser von 3,75 Zentimetern. Im Inneren des Kupferzylinders fand man damals ein vollständig korrodiertes Eisenstäbchen, dessen oberes Ende etwa einen Zentimeter über den Gefäßrand hinausragt. Die „Vasen“-Batterie war bei ihrer Entdeckung von einer gelbgrauen Korrisionsschicht überzogen, was auf die Wirkung eines bleiartigen Elektrolyts zurückgeführt werden könnte. Das Eisenstäbchen wurde durch einen Asphaltstöpsel am Herausfallen gehindert. Später erfuhr König von einem Berliner Kollegen, daß deutsche Wissenschaftler bei Grabungsarbeiten in der Nähe von Ktesiphon (Irak) ähnliche Artefakte entdeckt hatten; sie stammten aus der Zeit, als die Sassaniden (224-642 n.Chr.) Persien regierten. Vier ganz ähnliche Tongebilde fand man nahe Tel-Omar, und drei von ihnen enthielten einen ähnlichen Kupferzylinder wie der Fund von Khujut Rabu. Königs Interesse war geweckt. Ihn faszinierte die unorthodoxe Idee, es könne sich bei all diesen Funden um die Überreste von Trockenbatterien handeln. Sofort machte er sich ans Experimentieren. Nach Einfüllen eines frischen Elektrolyts – er benutzte Kupfersulfat – funktionierten einige der ihm zur Verfügung gestellten Batterien einwandfrei. Sie gaben Spannungen zwischen 1,5 und 2 Volt ab. Der Beweis war erbracht; in seinem Grabungsbericht konnte König daher vermerken, daß die vermeintlichen „Kultgegenstände“ in Wirklichkeit galvanische Elemente, d.h. Trockenbatterien seien.

Doch auch die beste Batterie ist irgendwann einmal erschöpft, hat nur eine begrenzte Lebensdauer und muß dann rundum erneuert werden. Vielleicht benutzten die Tüftler von ehedem Strom, um, wie schon angedeutet, in Behältern aus Glas eingeschlossenes Plasma aufzuladen. Das hierbei entstehende Licht dürfte kaum mehr als ein schwaches Glimmen gewesen sein. In der Dunkelheit einer Grabkammer aber wäre dies dennoch von beachtlicher Bedeutung gewesen.

Mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch: 
Ernst Meckelburg – Dimension XY, Grasmück-Verlag 1999. 
© Verlag K. Grasmück, Altenstadt



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