Dimension XY


Der unheimliche Keller

von Ernst Meckelburg

Im Keller des Mietshauses herrschte bedrückende Stille. Der einzige Laut, der zu vernehmen war, kam von einer weißen Ratte, die an einem Stück Käse nagte. Es war schon nach Mitternacht, und den vier Männern, die dort in dem taghell erleuchteten Raum abwartend herumsaßen, stand noch eine aufregende Nacht bevor. Bislang hatte sich noch nichts Besonderes ereignet, und es sah zunächst ganz so aus, als ob es dabei bleiben sollte. Die Männer räkelten sich in ihren Klappstühlen und schauten gelangweilt der Ratte zu, wie diese sich an dem Käsebrocken delektierte. Wenigstens sie schien die Situation zu genießen.

Das Dreifamilienhaus, in dem die vier zusammengekommen waren, um ein höchst bemerkenswertes Experiment durchzuführen, unterschied sich rein äußerlich durch nichts von den meisten Häusern im Süden Londons des Jahres 1929. Nur mit dem Keller hatte es eine besondere Bewandtnis. Aus ihm wollten Mieter und Anwohner häufig laute Schläge, nervenzerfetzende Pfeiftöne und schrille Kratzgeräusche vernommen haben. Da der Lärm im Laufe der Jahre von so vielen Personen deutlich wahrgenommen worden war, konnte er wohl kaum auf Einbildung beruhen. Wenn Mieter spät abends noch einmal den Keller aufsuchten, um Kohlen oder andere Vorräte zu holen, wurden sie hin und wieder von einer unsichtbaren Kraft attackiert und dabei sogar an die Wand geschleudert. Auch sollen sich dort gelegentlich Gegenstände selbstständig gemacht haben, d.h. von selbst durch die Luft geschwebt sein – Phänomene, die in der Parapsychologie als Spuk bezeichnet werden. Alle diese Manifestationen wurden von einer unerträglichen Geruchsbelästigung begleitet.

Der Reporter Stanley Bishop – er besaß für sensationelle Storys eine besonders gute Nase – hatte sich deshalb an einem Vorfrühlingsabend des Jahres 1929 mit drei weiteren Personen im Keller des Spukhauses eingefunden, um an einem Experiment teilzunehmen, das zur Aufklärung des sonderbaren Phänomens beitragen sollte. Als unabhängige Zeugen waren ein Bankdirektor, ein Geistlicher und ein Mitarbeiter der „Society for Psychical Research“ (Englands berühmter Gesellschaft zur Erforschung des Paranormalen) geladen.

Die Menschen in der Nachbarschaft des Hauses sprachen schon seit geraumer Zeit von einer mächtigen Entität, die dort ihr Unwesen treibe. Aber erst seit kurzem traten dort weitere lästige Phänomene in Erscheinung, die dringend der Abhilfe bedurften. Frisches Fleisch verfaulte innerhalb kurzer Zeit, und Katzen sowie Hunde, die sich in den Keller verirrten, trugen Verletzungen davon, die man sich nicht erklären konnte. Hausbewohner sprachen von einem würgenden Gefühl am Hals, wenn sie sich dort längere Zeit aufhielten.

An dem Abend, als sich Stanley Bishop und die anderen in dem Keller aufhielten, schien alles so friedlich, daß Bishop am liebsten ein Nickerchen gemacht hätte. Hierzu hatte er jedoch keine Gelegenheit, denn die speziell für den Versuch installierte Deckenbeleuchtung tauchte den Raum in grelles Licht. Selbst die entferntesten Ecken waren taghell erleuchtet; das grelle Licht ließ jeden Riß, ja selbst jede Spinnwebe deutlich erkennen.

Als die auf dem Boden aufgestellte Uhr eine Viertelstunde nach Mitternacht anzeigte, wurde Bishop mit einemmal aus seiner Lethargie gerissen. Er lehnte sich nach vorn, um zu sehen, was die anderen Männer beschäftigte, was ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war die Ratte, die von einer Sekunde zur anderen das Knabbern am Käse eingestellt hatte. Sie saß geduckt in einer Ecke des Käfigs und lugte ängstlich im Raum umher. Ihre kleinen Augen waren vor Schreck geweitet, ihre Zähne entblößt, und sie gab einen ungewöhnlichen, bösartigen Knurrlaut von sich. Dann spürten die Anwesenden plötzlich, wie es um sie herum kälter wurde, wie sich etwas Nichtgreifbares, Böses dem Keller näherte. Obwohl die Deckenlampe ihr Licht unvermindert abstrahlte, hatten die Männer den Eindruck, daß ihre Leuchtkraft durch einen dünnen Nebelschleier, der sich in dem Raum ausbreitete, allmählich nachließ.

Bishop fluchte leise vor sich hin, als er sah, daß die Ratte steif wurde und sich im Käfig hin und her wälzte. Plötzlich blieb das Tier regungslos liegen. Es war tot, getötet von jener unsichtbaren Entität, der sie aufgelauert hatten, um ihrer habhaft zu werden.

Noch bevor sich die Experimentatoren von ihren Plätzen erheben und nachsehen konnten, was da geschah, beobachteten sie etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte. Vor ihren Augen begann die glatte weiße Haut der Ratte zu schrumpfen. Zunächst lösten sich ihre Haare und dann ihr ganzer Körper auf. Was zurückblieb, war eine verfaulte, schleimige Substanz.

Mit der Kälte, die das Team vor dem Auflösungsprozeß gespürt hatte, war auch ein widerlicher, fauliger Geruch in den Kellerraum eingedrungen. Er reizte die Männer zum Erbrechen und erzwang schließlich ihren Rückzug ins Freie. Als sie wenige Minuten später zurückkehrten, war die Kälte aus dem Raum gewichen. Der Gestank war abgezogen und die Luft sauber wie zuvor.

Am Morgen nach diesem Vorfall machte sich Stanley Bishop auf den Weg, um die Geschichte des Hauses zu ergründen. Es stellte sich heraus, daß dort schon immer merkwürdige Dinge geschehen waren; während der letzten 50 Jahre hatte es in diesem Haus niemand länger als ein halbes Jahr ausgehalten. Die Mieter beschwerten sich ständig darüber, daß etwas Unsichtbares, Unheimliches ihre Gesundheit oder gar ihr Leben bedrohe. Personen, die dort einmal zu Besuch weilten, verzichteten darauf, eine zweite Einladung anzunehmen. Einige Mieter mußten ihre Haustiere einschläfern lassen, nachdem sie im Keller auf unerklärliche Weise schwere Verletzungen erlitten hatten. Die Situation hatte sich in den letzten Monaten dramatisch zugespitzt, so daß der Besitzer des Hauses schon an dessen Abriss dachte. Als die Parapsychologische Gesellschaft und die Presse davon erfuhren, baten sie den Hausbesitzer, in dem Gebäude einige Experimente durchführen zu dürfen. Dieser stimmte dem Vorhaben zu, da er selbst an einer Aufklärung der Vorfälle brennend interessiert war.

Am Tage nach dem makabren Geschehen begaben sich die Männer erneut in den Spukkeller. Sie hatten die feste Absicht, den schlimmen Aktivitäten des unsichtbaren Etwas ein Ende zu bereiten. Es waren diesmal aber nur drei Personen, da sich der verängstigte Bankdirektor mit Entschiedenheit geweigert hatte, an einem weiteren Experiment teilzunehmen. Diesmal waren die Experimentatoren mit Gasmasken ausgerüstet, um sich vor möglichen Geruchsbelästigungen zu schützen. Bishop brachte für das zweite Experiment eine frische Lammschulter mit, an der noch Eisbrocken klebten. Er hatte das Fleischstück nur wenige Stunden zuvor auf dem Londoner Smithfield-Markt erstanden; um es bis zum Experiment frisch zu halten, war es in Eis verpackt angeliefert worden. Es wurde in eine mit einem Baumwolltuch abgedeckte Schüssel gelegt, die man in der Mitte des Kellerraumes aufstellte.

Der Raum war, wie am Vortag, schattenfrei ausgeleuchtet. Die Männer setzten sich auf die mitgebrachten Klappstühle und beobachteten aufmerksam den Fleischbrocken in der Schüssel. Etwa eine Stunde lang geschah überhaupt nichts. Dann aber überschlugen sich die Ereignisse: Urplötzlich überkam die Männer das gleiche Kältegefühl, das sie schon beim ersten Experiment mit der Ratte empfunden hatten. Instinktiv lehnten sie sich nach vorn, und Bishop hielt seine Kamera schußbereit. Wieder drang der entsetzliche Fäulnisgeruch in den Keller ein. Schnell streiften die Männer ihre Gasmasken über, um sich dort weiter aufhalten zu können. Bishop richtete seine Kamera auf die Lammschulter. Und wieder geschah das Unfaßbare – direkt vor ihren Augen. Der erst vor kurzem gekaufte frische Fleischbrocken von mehreren Kilogramm Gewicht lief blau an... und begann, sich zu zersetzen. Schon nach wenigen Minuten hatte sich das Fleisch grau verfärbt. Der Klumpen kippte um und fiel aus der Schüssel heraus auf den Boden, wo er sich alsbald in eine schleimige Masse verwandelte.

Bishop hatte den gesamten Vorgang im Bild festgehalten. Er wußte, daß weder er noch sonst irgend jemand dieses Schauspiel ein weiteres Mal erleben würde, denn Sekunden später trat der Priester in Aktion, um den Keller mit geweihtem Wasser zu besprengen. Mit der alten Beschwörungsformel von Glocke, Bibel und Kerze sprach er den Exorzismus über den Kellerraum.

Stanley Bishop stand noch lange Zeit danach mit dem Hauseigentümer in Verbindung. Es war inzwischen still geworden um das alte Haus im Süden Londons, die Manifestationen des Bösen blieben aus. Was oder wer auch immer sie ausgelöst haben möchte, schien fortan mit der Welt in Frieden leben zu wollen.

Mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch: 
Ernst Meckelburg – Dimension XY, Grasmück-Verlag 1999. 
© Verlag K. Grasmück, Altenstadt



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