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Dimension XY Besuch in einer angelsächsischen Kirche von Ernst Meckelburg Nur wenige Meilen von der englischen Stadt Bath entfernt liegt Bradford-on-Avon, von Reiseveranstaltern als die schönste Gemeinde der Grafschaft Wiltshire gepriesen. Wichtigste Sehenswürdigkeit dieses Ortes ist die kleine Steinkirche angelsächsischen Ursprungs aus dem 11. bzw. 12. Jahrhundert, vermutlich die einzige in England überhaupt. Sie überdauerte die Jahrhunderte – Krieg und Verwüstung – nur deshalb, weil sie zeitweise als Scheuer oder Lagerhaus, also für profane Zwecke, benutzt wurde und weil sie allseitig von anderen Gebäuden umgeben war, wodurch ihre Identität mit der Zeit verlorenging. Sie war erst im 19. Jahrhundert von einem archäologisch interessierten Geistlichen wiederentdeckt worden, der von einer Anhöhe aus den Gebäudekomplex überschaute und das verborgene Kirchlein anhand seiner Dachform identifizierte. Dem Pfarrer gelang es nach einigen Mühen, durch private Initiative Mitbürger und Altertumsforscher für die Restaurierung des Gotteshauses zu interessieren. Zunächst wurden sämtliche Gebäude, die das Kirchlein umsäumten oder die mit ihm direkt verbunden waren, abgerissen. Zurück blieb ein Kleinod aus Stein, das nach seiner entgültigen Restaurierung im Laufe der Zeit zur Touristenattraktion wurde. Auffallend sind seine extrem kleinen Abmessungen: Das Hauptschiff ist nur 7,5 Meter lang und 3,9 Meter breit. Der Vorbau stellt mit einer Grundfläche von lediglich einem Quadratmeter ein Kuriosum dar, das weltweit einmalig sein dürfte. Andererseits steht die beachtliche Höhe der Seitenwände in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Innenabmessungen. Die wenigen kleinen Fenster scheinen sich in den überdimensional wirkenden Seitenwänden zu verlieren. Die enge Pforte beschreibt einen Bogen, der oben spitz zusammenläuft und ihr dadurch die Form eines Schlüsselloches verleiht. Zwei grobgeschnitzte Engel über der Kanzel sind der einzige Zierrat des Kirchleins. Der Ortspfarrer hatte die Gewohnheit, in dem restaurierten Gotteshaus von Zeit zu Zeit Gottesdienste abzuhalten. Dabei will er häufig von etwas gestört worden sein, das im Sprachgebrauch der Engländer als „presence“, als Gegenwart einer unsichtbaren Entität, bezeichnet wird. Da sein Bruder, der ebenfalls Pfarrer war, beim Besuch dieser Kirche die gleichen beunruhigenden Erfahrungen gemacht hatte, wagte er es nach einigem Zaudern, über dieses ungewöhnliche Phänomen offen zu sprechen. Gemeindemitglieder, die an der Meßfeier teilnahmen, klagten über ähnliche unangenehme Empfindungen, die sie vor allem in der Nähe der Kanzel zu spüren glaubten. Etwas durch und durch Böses schien von ihnen Besitz ergreifen zu wollen. Der Einfluß dieser „Wesenheit“ war manchmal so stark, daß der Pfarrer während des Gottesdienstes die Nerven verlor oder einem Ohnmachtsanfall nahe war. Als die Vorsitzenden der Parapsychologischen Gesellschaft Großbritaniens, der berühmten S.P.R., von den Vorgängen in Bradford-on-Avon erfuhren, entsandten sie ihr bestes Medium, Eileen Garrett (1893-1970) zusammen mit zwei Begleitern – dem Ehepaar Barber – nach dort, um deren Ursache zu erkunden. Eileen Garrett betrat das Kirchlein und sah sich übergangslos in eine völlig fremde Umgebung versetzt, in ein Gotteshaus, wie es Jahrhunderte zuvor ausgesehen haben mochte. Rückwärts schauend nahm sie vor der Kirche eine große Menschenansammlung wahr – Personen, denen offenbar gerade das Abendmahl gereicht wurde. Der besseren Übersicht wegen begab sie sich daraufhin an eine Stelle unmittelbar neben der Kanzel, von wo aus sie durch ein Guckloch nach draußen blicken konnte. Ihr fiel auf, daß die Männer und Frauen, die sie zu sehen bekam, wie Menschen des 15. oder 16. Jahrhunderts gekleidet waren. In den Gesichtern der Leute stand Haß und Ablehnung geschrieben. Mrs. Garrett gewann den Eindruck, daß man diese armen Menschen zum Gottesdienst befohlen hatte. Niemand von ihnen schien von Freude und inneren Frieden erfüllt zu sein. Erst viel später sollte sie erfahren, daß es vor Jahrhunderten in der Nähe von Bradford eine große Leprakolonie gegeben hatte. Die von der Krankheit befallenen Menschen waren zur Sicherheit der Gesunden nur außerhalb der Kirche zum Gottesdienst zugelassen; Predigt und Gebete vernahmen sie allenfalls durch die kleinen Fenster und die Öffnung neben der Kanzel. Solche Gucklöcher sind auch heute noch in vielen alten Kirchenbauten Englands zu sehen Noch während Frau Garrett durch die Öffnung nach draußen schaute, wurde sie plötzlich unsanft am Hinterkopf geschubst. Da sich zu diesem Zeitpunkt außer ihr und den Barbers weiter niemand in der Kirche aufhielt, glaubte sie zunächst, daß ihre Begleiter sie versehentlich angerempelt hatten; die beiden hielten sich in diesem Augenblick jedoch an einer anderen Stelle auf. Die größte Überraschung stand Mrs. Garrett aber noch bevor, denn mit einemmal sah sie sich einem furchterregenden Individuum gegenüber, das in der Nähe von etwas stand, das wie eine Tür aussah. Obwohl sie wußte, daß es dort in Wirklichkeit gar keine Tür gab, schritt sie, neugierig geworden, geradewegs auf diese zu, wobei sie sich der unheimlichen Erscheinung bedenklich näherte. Aus nächster Nähe erwies sich die vermeintliche Tür als ein in die Wand eingelassenes Gewölbe, in dem etwas Unleserliches eingemeißelt war. Diese Entdeckung erschien ihr derart interessant, daß sie spontan die Barbers herbeirief. Ob sie ihrer Aufforderung nachkamen, sollte sie nicht mehr erfahren, denn im gleichen Augenblick erhielt sie einen kurzen, kräftig geführten Stoß gegen den Hinterkopf, der sie taumeln ließ. Sie fiel der Länge nach hin und verlor sofort das Bewußtsein. Es war, als habe sie eine unsichtbare Hand mit Absicht zu Boden geschlagen. Zwei Stunden später kam sie in einer Gastwirtschaft wieder zu sich und hatte schreckliche Kopfschmerzen. Unbeeindruckt von der schmerzhaften Erfahrung – ihr Sturz hätte schlimme Folgen haben können -, nahm sich Mrs. Garrett mehrmals fest vor, das Kirchlein noch öfters zu besuchen. Wie auch immer sie es anstellte, ihr Vorhaben wurde stets durch andere, wichtigere Termine vereitelt. Die Schilderung des Mediums erweckt den Eindruck, als wäre sie beim Betreten des Gotteshauses, zumindest mit ihrem zeitungebundenen Bewußtsein, in die ferne Vergangenheit entrückt worden. Sie beschrieb nämlich nach dem Zwischenfall das Kirchlein ganz anders, als es sich Besuchern heute darbietet. Auch gab es in ihrem Szenario unmittelbar neben der Kirche keine Gebäude, sondern nur freies Feld. Offenbar wirken die schrecklichen Zustände der damaligen Zeit in einer anderen Realität bis in alle Ewigkeit fort. Wer sie als begnadetes Medium wie Mrs. Garrett mitzuerleben vermag, muß erkennen, daß unsere Gegenwart nur einen winzigen Ausschnitt im kosmischen Geschehen darstellt. Von dieser Warte aus scheinen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einander zu überschneiden, auf eine für uns unverständliche Weise gleichzeitig zu sein. Mit
freundlicher Genehmigung aus dem Buch:
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