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Dimension XY Tödliche Porträts von Ernst Meckelburg Vor einigen Jahren wurde in den Verkaufsräumen eines Mailänder Auktionshauses ein Gemälde des weniger bekannten französichen Künstlers André Marcellin angeboten. Das Kaufinteresse war nur gering, aber schließlich fand das Porträt doch noch einen Abnehmer – einen in Rom wohnhaften Geschäftsmann, der es zu Hause in seinem Geschäftszimmer aufhängte. Der Kauf erfolgte im Mai; einen Monat später starb der Geschäftsmann. Kurz darauf folgte ihm seine Frau ins Grab, und danach hatte der Sohn des glücklosen Ehepaars einen schweren Autounfall, von dem er sich nur langsam erholte. Natürlich könnte man diese Geschehnisse als eine Serie von Zufällen bezeichnen. Niemandem würde es einfallen, die Ereignisse mit einem harmlosen Gemälde in Verbindung zu bringen. Dennoch, wer die Geschichte der fluchbeladenen Gemälde des André Marcellin kennt, wird anders urteilen. Heute existieren in aller Welt mindestens 20 von Marcellins Portraits, und auf jedem dieser Bilder soll ein Fluch ruhen, der mit unheimlicher Präzision alle jene trifft, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Berührung kommen. Niemand weiß genau zu sagen, wo die tödlich wirkenden Bilder verblieben sind. Im Jahre 1958 inserierte ein Angehöriger des verstorbenen Künstlers in bekannten internationalen Tageszeitungen, um die derzeitigen Besitzer der Portraits ausfindig zu machen. Schließlich meldeten sich bei Ihm zwei Familien, die Bilder von Marcellin besaßen und froh waren, sie günstig verkaufen zu können. Beide Besitzer schienen ebenfalls vom Unglück verfolgt zu sein. Als sie die Bilder an Marcellins Verwandten verkauft hatten, endete ihre Pechsträhne abrupt. Marcellin, der 1907 in Paris zu malen begann, war sicher ein begabter Landschaftsmaler. Seine große Leidenschaft aber galt dem Porträtieren Verstorbener. Seine Freunde, die es nicht verstehen konnten, daß er sich beharrlich weigerte, Porträts lebender Personen zu malen, plagten ihn solange, bis er nach einigem Zögern den Auftrag eines französischen Filmmagnaten annahm. Zwei Tage nachdem Marcellin das Bild fertiggestellt und sein Honorar erhalten hatte, starb sein Auftraggeber, ohne daß die Ärzte für den plötzlichen Tod eine physische Ursache finden konnten. Marcellin erkannte in dem Vorfall etwas Unheilvolles, einen Vorgang, der sich nicht rationell erklären ließ. Sechs Monate lang enthielt er sich der Portraitmalerei, dann aber überkam ihn erneut das Verlangen, nach dem Leben zu malen, und er ließ sich nur allzu gern zum Porträtieren überreden. Sein Modell war über die Zusage des Meisters hocherfreut. Marcellin machte sich sofort an die Arbeit, und schon bald war das Porträt fertiggestellt. Zwei Tage nach Ablieferung des Bildes erfuhr Marcellin, daß sein Auftraggeber tot sei – und die Ärzte des Verstorbenen waren wiederum ratlos. Daraufhin schwor sich Marcellin, das Porträtieren Lebender aufzugeben. Eingedenk seines Gelübdes schlug er in der Folge zahlreiche lukrative Aufträge aus. In der ersten Zeit nannte er für seine Weigerung, Porträts lebender Personen zu malen, keinen Grund. Als aber einmal jemand, der gern gemalt werden wollte, über sein ablehnendes Verhalten verärgert war und ihn beschimpfte, versuchte Marcellin, ihm seine Verweigerung verständlich zu machen. Er schilderte ihm das Schicksal seiner Vorgänger und versuchte, ihm die Idee auszureden. Doch der Mann ließ sich durch Marcellins Warnung nicht beeindrucken. Er sei nicht abergläubisch und finde Marcellins Behauptung, daß auf seinen Porträts ein Fluch liege, geradezu lächerlich. Nach langem Zureden konnte er den Meister doch noch umstimmen. Nach drei Wochen hatte er das Bild fertiggestellt. Es war eines der besten, die er in den letzten Jahren gemalt hatte, und der Kunde war begeistert. Doch seine Freude sollte nicht von langer Dauer sein: Er starb drei Tage nach Erhalt des Bildes. Jetzt tauchten erste beunruhigende Gerüchte auch über andere Porträts von Marcellin auf, die er früher einmal gemalt hatte. Als im Jahre 1912 ein Haus in Turin bis auf die Grundmauern niederbrannte und dabei vier Menschen den Tod fanden, waren in dem Raum, in dem das Feuer ausbrach, sämtliche Bilder bis auf eines vernichtet worden. Das Bild, welches den Brand schadlos überstanden hatte, stellte den heiligen Christopherus dar und stammte von Marcellin. Im Frühjahr 1913 verlobte sich der junge Künstler. Seine Verlobte, Francoise Noél, die von Freunden gehört hatte, daß er hervorragend porträtieren könne, bat ihn, er möge ein Gemälde von ihr anfertigen. Zuerst gebrauchte Marcellin allerlei Ausflüchte, um ihre Bitte auszuschlagen, als aber Francoise auf ihrem Wunsch beharrte, wußte er, daß er sie über den Fluch, der auf seinen Bildern lastete, früher oder später aufklären mußte. Wiederholt versicherte er Ihr: „Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Dies allein ist der Grund, warum ich dich nicht porträtieren kann.“ Sie verstand jedoch nicht, was er damit sagen wollte, schmollte und drohte ihm mit der Auflösung der Verlobung, wenn er kein Porträt von ihr anfertigen würde. Schließlich, als sich Marcellin in die Enge getrieben sah, gestand er ihr alles und sagte: „Auf meiner Arbeit liegt ein Fluch. Ich darf nie mehr porträtieren, um meine Modelle nicht länger zu gefährden. Mich überkommen Todesängste, wenn ich daran denke, dir könnte das gleiche zustoßen, wie den anderen, die ich schon gemalt habe. Was bliebe mir dann noch auf der Welt?“ Nach langem Bitten und Betteln – Francoise unterließ nichts, um ihren Verlobten charmant zu erpressen – gab dieser schweren Herzens nach. Im oktober 1913 begann er damit, sie zu porträtieren. Schon eine Woche später – das Bild war nicht einmal fertiggestellt – starb das Mädchen. Marcellin war untröstlich – ein gebrochener Mann. Er stürzte sich wie ein Besessener in seine Arbeit, um sein Leid zu vergessen. Dann, eines Tages, traf er eine wichtige Entscheidung, die sein Schicksal bestimmen sollte: Er begann, sich selbst zu porträtieren. Es wurde das beste Bild, welches er je gemalt hatte. Aber es sollte auch sein letztes sein, denn vier Tage nach dessen Vollendung, am 1. Januar 1914, starb er. Indem er sich selbst porträtierte, hatte er seinem Leben ein Ende gesetzt, hatte er mit Pinsel und Farbe Selbstmord begangen. Mit
freundlicher Genehmigung aus dem Buch:
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