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Dimension XY Doppelgänger – Phantasie oder Wirklichkeit? von Ernst Meckelburg Da ist die Geschichte jenes Mannes, der nach einem anstrengenden Tag im Büro abends mit starken Kopfschmerzen nach Hause kam. Er hatte gerade am Tisch Platz genommen, um sein Abendessen zu nehmen, als er erschrocken aufschaute. Ihm gegenüber saß sein Ebenbild, eine genaue Kopie seiner eigenen Person. Eine Täuschung war ausgeschlossen. Eine ungeheuerliche Erkenntnis drängte sich auf: er existierte gleich zweimal. Nachdem sich der Mann von seinem ersten Schrecken erholt hatte, begann er ohne Rücksicht auf den unheimlichen „Gast“ zu essen, wobei er sein Double nicht aus den Augen ließ. Es führte die ganze Zeit über die gleichen Bewegungen aus wie er. Da er psychisch gesund war und zuvor auch keinen Alkohol zu sich genommen hatte, stand er vor einem Rätsel. Allmählich verblaßte die Erscheinung. Sein Double war nur noch schemenhaft zu erkennen, um sich schließlich in Nichts aufzulösen. Eine junge Frau ließ den amerikanischen Arzt Dr. Edward Podolsky wissen, daß ihr Double sie sogar schon mehrfach berührt und sie dessen Finger auf ihren Wangen gespürt habe. Dr. Podolsky theoretisiert, solche Phänomene seien möglicherweise auf Reizprozesse im Gehirn zurückzuführen, was nicht auszuschließen ist, da die Betroffenen, wie im zuerst erwähnten Fall, vor ihren Wahrnehmungen häufig unter irgendwelchen Unpässlichkeiten leiden. Eine andere Theorie bringt die „Autoskopie“ – die „Selbstschau“, wie diese Doppelgängervision von Fachleuten genannt wird – mit der Projektion von Erinnerungsbildern in Verbindung. Podolsky glaubt, daß gewisse Vorstellungen – auch die von der eigenen Person – bleibend im Gedächnis gespeichert sind. Unter Streß oder in anderen psychisch außergewöhnlichen Situationen könnten diese eingelagerten bildhaften Erinnerungen außerhalb des Körpers projiziert und für den Betroffenen als höchst reale, dreidimensional wirkende Bilder sichtbar werden. Gelegentlich sollen solche „Projektionen“ sogar für Dritte sichtbar geworden sein. Ob diese Theorie auch im Fall der Hausfrau Doris King aus Houston, Texas, geltend gemacht werden kann, muß bezweifelt werden. An einem Junimorgen des Jahres 1961 ging Mrs. King wohlgelaunt ihrer Hausarbeit nach. Als sie das Eßzimmer betrat, sah sie auf den Bodenfliesen zwei dunkelrote Flecken, die sie gleich mit dem Staubtuch aufnahm, ohne sich über deren Herkunft weiter Gedanken zu machen. Am darauffolgenden Morgen bemerkte Mrs. King auf dem Fußboden an der gleichen Stelle im Eßzimmer erneut zwei nasse Flecken. Diesmal besah sie sich die noch feuchten Flecken etwas genauer: Allem Anschein nach handelte es sich hierbei um Blut, das erst vor kurzem auf den Boden getropft war. Mrs. King, die nicht wußte, was sie tun sollte, verständigte sofort ihren Mann. Dieser vermutete zunächst, daß ihnen irgend jemand einen dummen Streich gespielt hatte. Am darauffolgenden Morgen standen beide bereits gegen vier Uhr auf. Sie gingen sofort ins Eßzimmer, um nachzuschauen, ob sich an der bewußten Stelle wieder Flecken gebildet hatten. Der Boden war jedoch sauber wie am Abend zuvor. Danach begaben sich die Kings in die Küche, wo sie wie gewohnt das Frühstück einnahmen. Als sie kurze Zeit später erneut das Eßzimmer betraten, waren auf den Fliesen wieder zwei dunkelrote Flecken zu sehen. Die Kings hatten für diesen Vorfall keine Erklärung, waren doch, während sie frühstückten, alle Türen im Haus verschlossen gewesen, so daß niemand unbemerkt in das Eßzimmer eindringen konnte. Am nächsten Morgen wiederholte sich der Vorgang. Mr. King war fest entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, Art und Ursache der seltsamen Manifestation zu ermitteln. Am Donnerstagabend klebte er über die beiden Fliesen, auf denen sich die Blutflecke zeigten, eine Kunststoff-Folie. Nachts gegen halb zwei Uhr begab sich King, von innerer Unruhe getrieben, ins Eßzimmer, um nachzusehen, ob sich irgend etwas getan hatte. Auf der Folie hatten sich abermals zwei rote Flecken gebildet. King eilte sofort ins Schlafzimmer, um seine Frau hierüber in Kenntnis zu setzen. Er erschrak zutiefst: Auf dem Gesicht seiner Frau nahm er dunkelrote Flecken wahr, die sich mit einem feuchten Tuch abtupfen ließen. Er vermutete, daß es sich auch hier um Blut handelte. Bestand zwischen den Flecken auf dem Fußboden und denen auf Mrs. Kings Gesicht etwa ein Zusammenhang? Bei Tagesanbruch brachte King die befleckte Folie gleich zur Polizei. Das Polizeilabor bestätigte seinen Verdacht: Die Flecken waren eindeutig durch menschliches Blut verursacht worden. Kings Verwirrung wuchs; seine Angst, von jemandem belästigt zu werden, dessen er nicht habhaft werden konnte, raubte ihm die Ruhe. Seine Entschossenheit, dem Spuk ein Ende zu bereiten, nahm von Tag zu Tag zu. Er nahm sich vor, dem Übeltäter eine Falle zu stellen. Ein Nachbar und er hielten mit durchgeladener Schußwaffe im Eßzimmer Nachtwache. Am darauffolgenden Samstag gegen 4 Uhr früh wurden die beiden Männer plötzlich durch ein herzzerreißendes Stöhnen und Wimmern aufgeschreckt; die merkwürdigen Geräusche kamen aus dem Schlafzimmer. Als sie es betraten, sahen sie, wie sich Mrs. King im Schlaf hin und her wälzte, wie sie, offenbar von Alpträumen geplagt, laut stöhnte. Bei Licht fielen ihnen sofort die Blutflecken auf dem Gesicht der Frau auf. Sobald ihr Mann diese abgetupft hatte, erschienen dort gleich neue Tropfen. Das Blut sickerte allem Anschein nach durch die Poren ihrer Haut. Nirgendwo waren Risse oder Kratzer zu erkennen. Kings Versuch, seine Frau aufzuwecken, scheiterte – sie befand sich in einem tranceartigen Zustand. Noch am gleichen Tag suchten die Kings einen Hautarzt auf, der feststellte, daß eines ihrer Blutgefäße unmittelbar neben dem rechten Ohr geplatzt war. Die Blutflecken, die ihr Mann und der Nachbar beobachtet hatten, waren aber eindeutig in Wangenmitte sowie an der Stirn aufgetreten. Mrs. Kings Puls war normal, ihr Blutdruck wies geringfügig niedrigere Werte auf. Der Arzt war ratlos. Mit einem solchen Phänomen war er nie zuvor konfrontiert worden. Erst Wochen danach fand man für die seltsamen Vorgänge im Hause der Kings und für die spontanen Blutaustritte eine halbwegs einleuchtende Erklärung. Professor David Wulinger, Psychologiedozent an der Universität von Houston, der sich mit diesem Fall eingehend befasste, konnte während einiger Sitzungen mit Mrs. King allmählich deren Vertauen erwerben und mehr über die Ursachen dieses Phänomens erfahren. Ihm gestand Mrs. King, daß sie vor jeder Blutfleckenmanifestation einen merkwürdigen Traum gehabt habe. Im Traum habe sie stets mit ihrer Doppelgängerin gesprochen, die ihr in einem lose herabhängenden Kleid erschienen war. Mrs. King behauptete, die Erscheinung habe genau wie sie ausgesehen und auch wie sie gesprochen. Beide hätten sich mit ihrem gemeinsamen Vornamen – Doris – angeredet. Bei jeder „Unterhaltung“ habe die Phantom-Doris der Träumenden versichert, daß „alles gut sein wird“, Mrs. King versicherte Professor Wulinger, dies als widersinnig empfunden zu haben, zumal ihre einzigen Probleme das Erscheinen ihres Doubles und, im Zusammenhang hiermit, das Auftreten der Blutflecken gewesen seien. Mr. King ließ den Professor wissen, daß seine Frau im Schlaf gewimmert und unverständliches Zeug geredet habe. Sie in diesem Zustand aufzuwecken wäre unmöglich gewesen. Immer wenn Mrs. King erwachte, habe sie sich über ein Gefühl der Kälte beklagt, was er als höchst sonderbar empfand, da in den Juninächten die Zimmertemperatur zwischen 24 und 30 Grad Celsius betrug. Die Kings besaßen auch keine Klimaanlage, der man die Abkühlung hätte zuschreiben können. Nach jedem Traum erschienen entweder auf den Fliesen des Eßzimmers oder auf Mrs. Kings Gesicht die rätselhaften Blutflecken. Das Phänomen trat vor allem dann auf, wenn eines ihrer Kinder am Abend ausgegangen war. Dies alles könnte darauf hindeuten, daß in diesem Fall eine psychosomatische Komponente mit im Spiel war. Indes beschränkte sich das Erscheinen von Mrs. Kings Doppelgängerin nicht allein auf die Nachtstunden. Zweimal will sie ihr Double sogar im wachen Zustand wahrgenommen haben. Mrs. King äußerte die Ansicht, ihr zweites Ich habe die Blutspuren nur deshalb hinterlassen, weil es beweisen wollte, daß es sich bei ihm um eine echte Doppelexistenz, um eine autonome Persönlichkeit handele. Mediziner und Parapsychologen hätten für dieses Phänomen sicher noch eine Reihe anderer Erklärungen anzubieten; diese reichen von Manipulation und Hysterie über pathologisch bedingtes Auftreten sogenannter Spaltpersönlichkeiten bis hin zu handfesten Para-Phänomenen. Spontane Blutaustritte aus der Haut beobachtet man bekanntlich bei Stigmatisierten, meist strenggläubigen Christen, die auf diese Weise das Leiden Christi am Kreuz nachvollziehen möchten. Da es unter den Stigmatisierten auch Personen gibt, die keiner der christlichen Glaubensgemeinschaften angehören bzw. die dieses Phänomen, wenn es bei ihnen sporadisch auftritt, als äußerst lästig empfinden, dürften solche Blutaustritte als eine psychosomatische Erscheinung, d.h. pathologisch, gewertet werden. Das Auftreten von Blutflecken auf den Fliesen im Eßzimmer ließe sich mehr paraphysikalisch, d.h. durch das bekannte PSI-Phänomen „Psychokinese“ erklären. Hierunter versteht man „Bewegungen und / oder Veränderungen von Körpern, ohne daß man deren Ursache mit den heute bekannten Mitteln der Wissenschaft erklären könnte“ (Bonin, Lexikon der Parapsychologie). Bezogen auf den Fall King würde dies bedeuten, daß die Blutstropfen vom Gesicht der Betroffenen auf physikalisch bislang nicht erklärbare Weise ins Eßzimmer transportiert und dort auf die Fliesen abgesondert wurden. Dennoch blieben viele Fragen offen, weil wir über die Zusammensetzung und Funktionsweise des menschlichen Bewußtseins sehr wenig wissen. Vielleicht besteht unsere wichtigste Komponente – eben dieses Bewußtsein – tatsächlich aus zahlreichen, unter Umständen unendlich vielen selbständigen Ichs, die ständig um die jeweilige Vorherrschaft miteinander ringen und auf diese Weise fortwährend neue Realitäten schaffen. Betrachtet man das Doppelgänger-Phänomen von dieser Warte aus, werden manche „Geisteskrankheiten“ besser verständlich. Mit
freundlicher Genehmigung aus dem Buch:
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