Dimension XY


Schatten des Todes

von Ernst Meckelburg

Hoch über den Klippen, nahe der Ortschaft San Juan auf Kuba, erhebt sich ein alter, halb zerfallener Wachturm, der früher einmal als wichtiger Vorposten dieses Landes gedient hatte. Doch seit über hundert Jahren hat es niemand mehr gewagt, seinen schmalen Eingang zu passieren, denn der Turm war lange Zeit Schauplatz bizarrer Ereignisse, die bislang niemand zu deuten vermochte.

Im Jahre 1859 ließen Ingenieure der Regierung im Zuge der Errichtung von Defensivposten an den Küsten Kubas einen nahe gelegenen vorchristlichen Tempel abreißen, um dessen Steine als Baumaterial für den Wachturm von San Juan zu verwenden. Als die Bauarbeiter erfuhren, woher die Steine stammten, verweigerten sie die Arbeit. Sie fürchteten, daß die Entweihung des Tempels großes Unglück heraufbeschwören würde. Da alle Überredungsversuche der Ingenieure fehlschlugen, wurden Soldaten mit dem Bau des Turmes beauftragt.

Nach kurzer Bauzeit bezog an einem Februarabend des Jahres 1860 der erste Wachposten den Turm. Sein Aufenthalt dort war allerdings nicht von langer Dauer. Er wurde nur wenige Stunden nach Antritt der Wache außerhalb des Turms unter einem Busch kauernd, halb wahnsinnig vor Angst, von einer Patrouille aufgegriffen. Für sein sonderbares Verhalten fand er selbst keine vernünftige Erklärung. Der Soldat gab an, er glaube gefühlt zu haben, daß ihn während des ganzen Abends eine unsichtbare, bösartige Wesenheit beobachtete und daß ihn eine Art „Schatten“ überallhin verfolgte.

Am Abend darauf beauftragte man einen anderen Soldaten mit der Wache; ihm wurde sogar Verstärkung angeboten. Stolz lehnte er ab und ließ seine Vorgesetzten wissen, daß er einzig und allein auf sein Gewehr vertraue.

Am anderen Morgen stolperte die Ablösung außerhalb des Turmes in der Nähe der Tür über ein Gewehr, das dem Wachposten gehörte. Alles deutete darauf hin, daß es benutzt worden war. Von seinem Besitzer aber fehlte jede Spur. Man vermutete, daß er desertiert war; er wurde nie wieder gesehen.

Innerhalb der nächsten Wochen verschwanden auf ähnliche Weise sechs weitere Wachposten spurlos, immer nachdem sie ihr Gewehr abgefeuert hatten.

Schon nach kurzer Zeit war das gesamte Regiment davon überzeugt, daß es in dem Turm nicht mit rechten Dingen zuging. Die Offiziere konnten selbst unter Androhung von Kriegsgerichtverfahren keinen der Soldaten dazu bewegen, dort Wache zu halten. Schließlich schickte man einen Offizier aus der Garnisonstadt Manzanillo nach San Juan, um die Vorfälle untersuchen und der Truppe wieder Diziplin beibringen zu lassen. Hauptmann Manolo Herez traf im März des gleichen Jahres in San Juan ein und begab sich umgehend zum Ort des Geschehens.

In einem ersten Inspektionsbericht an seine Vorgesetzten hieß es, daß er dort außer einem schwachen Pulvergeruch nichts Besonderes festgestellt habe. Um die leidige Angelegenheit ein für allemal zu bereinigen, stellte Herez einen kleinen Erkundungstrupp zusammen, der ausschließlich aus Unteroffizieren bestand. Dieser hielt an sechs aufeinanderfolgenden Nächten in einem Wäldchen neben dem Turm Wache. Während dieser Zeit ereignete sich nichts, was zur Besorgnis hätte Anlaß geben können, und die Wachposten konnten ihren Dienst ungehindert verrichten.

Einen Tag bevor Herez nach Manzanillo zurückkehren sollte, beschloß er, nochmals eine Nacht in unmittelbarer Nähe des Turmes zu verbringen. Er begab sich mit zwei Korporalen und einem Gefreiten nach dort, ließ unter den Bäumen ein Lager errichten und teilte die Wachen in einen zweistündigen Rhythmus ein. Gegen drei Uhr nachts, als Herez hellwach vor seinem Zelt saß, bemerkte er, wie der Wachposten den Turm verließ – vermutlich, um sich im Freien die Füße zu vertreten. Alle seine Bewegungen waren im klaren Mondlicht deutlich zu erkennen. Plötzlich sah Herez, wie sich etwas, das er in dem von ihm später verfaßten Protokoll als „dunklen Fleck“ bezeichnete, aus der Schattenlandschaft löste, hinter dem Wachposten herglitt und ihm in den Turm folgte. In seinem Bericht heißt es: „Noch bevor ich handeln oder meine Männer alarmieren konnte, beobachtete ich innerhalb des Wachturmes ein verschwommenes Licht. Es nahm rasch an Intensität zu, so daß das Innere des Turmes hell erleuchtet wurde und ich durch eines der Fenster den Posten in zusammengekauerter Stellung hocken sah. Unmittelbar darauf vernahm ich einen dumpfen Knall, woraufhin das Licht verschwand.“

Sofort eilten Herez und seine Männer zum Turm, den sie allerdings verlassen vorfanden. Der Posten schien sich in Luft aufgelöst zu haben, nur ein leichter Pulvergeruch lag in der Luft.

Bei einer späteren Anhörung schworen die vier Beobachter, daß der Posten den Turm niemals unbemerkt verlassen konnte, da dieser ständig in ihrem Blickfeld gelegen habe. Er besaß nur kleine Fenster, durch die niemand herausklettern konnte, und einen einzigen Ausgang.

Ein mit dem mysteriösen Fall vertrauter Untersuchungsausschuß, der zwei Monate später zusammentrat, argumentierte, daß sich ein Wachposten nicht in Luft auflösen könne. Dennoch, die Aussagen von Hauptmann Herez und seinen Leuten waren durch nichts zu erschüttern. Durch die sich widersprechenden Fakten verwirrt, fällte der Ausschuß schließlich ein salomonisch anmutendes Urteil: Tod durch Unfall aufgrund unbekannter Ursachen.

Die unerklärlichen Vorkommnisse hatten zur Folge, daß die Armee den Beobachtungsturm aufgab; später wurde etwa 800 Meter vom massiven Turm entfernt eine mobile Observierungsstation errichtet. Seitdem kursieren in der dortigen Gegend Gerüchte über seltsame Leuchterscheinungen, geheimnisvolle Bewegungen und dumpfe Explosionen, was zur Folge hatte, daß niemand mehr den Turm zu betreten wagte.

In neuerer Zeit planten die kubanischen Luftstreitkräfte, dort eine Radarstation zu errichten. Da sich niemand am Abriß des alten Bauwerks beteiligen wollte, wurde das Projekt kurzerhand zurückgestellt.

Mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch: 
Ernst Meckelburg – Dimension XY, Grasmück-Verlag 1999. 
© Verlag K. Grasmück, Altenstadt



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