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Dimension XY Der Junge von nirgendwo von Ernst Meckelburg Auf dem Kirchhof des Dörfchens Sainte-Miande, südlich von Toulouse im Schatten der Pyrenäen, steht ein verwitterter, von Unkraut und Efeu bewachsener Grabstein. Niemand pflegt dieses Grab, denn der Verstorbene hatte keine Verwandten oder Freunde. Niemand kannte seinen Namen, deshalb lautete die Inschrift des Grabsteins: 9. März 1901. Hier liegen die sterblichen Überreste des Jungen, der von nirgendwo kam. Seit mehr als 80 Jahren rätseln Menschen, die sich mit unerklärlichen Geschehnissen befassen, über die Herkunft eines Jungen, der in einer dunklen Septembernacht im Dorf Sainte-Miande auftauchte, ein Kind scheinbar ohne Vergangenheit und, wie sich herausstellen sollte, auch ohne Zukunft. Man muß sich fragen, wie im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts ein Mensch ohne Namen und Herkunft, ohne eine zivilisierte Sprache zu beherrschen, existieren konnte, wie es kam, daß jemand nicht wußte, wie Messer und Gabel, Tasse und andere Dinge des täglichen Lebens zu gebrauchen sind. Noch vor zehn Jahren gab es in dem kleinen Ort unweit der Pyrenäen alte Leute, die sich daran erinnern konnten, daß ihre Eltern oft von dem Jungen ohne Namen sprachen. Ein paar alte Frauen wollten ihn sogar noch gekannt haben. Es war im September des Jahres 1900, als über dem Golfe du Lion ein schweres Gewitter tobte und die landeinwärts gelegenen Ortschaften von starken Sturmböen heimgesucht wurden. Etwa gegen Mitternacht wurde ein Bauer am Rande des Ortes Sainte-Liande durch beharrliches Pochen an das Fenster seines in Parterre gelegenen Schlafzimmers aufgeweckt. Er dachte zuerst, es wäre der Wind, der die Zweige eines neben dem Haus stehenden Baumes gegen die Fensterscheibe peitschen ließ. Schließlich stand er auf, um mit der Laterne nachzusehen, was die Ursache des schabenden Geräusches sein könnte. An der Haustür erwartete ihn eine nicht alltägliche Überraschung. Er fand dort einen etwa zehn Jahre alten Jungen, eingehüllt in etwas, das wie Sackleinen aussah. Seine Haare waren lang und blond, so ganz anders als die der einheimischen Jungen, und sein Gesicht wies eine ungewöhnliche, fast durchscheinende Blässe auf. Außer der sackartigen Bekleidung schien er keine weiteren Kleidungsstücke zu besitzen. Als der Junge die Arme nach der Laterne ausstreckte, bemerkte der Bauer, daß jede seiner beiden Hände nur drei Finger besaß. Die Frau des Landwirts, welche die Szene vom Schlafzimmerfenster aus beobachtet hatte und die Unentschlossenheit ihres Mannes erkannte, ergriff die Initiative. Sie lud den Jungen durch Gesten ein, ins Haus zu kommen. In der Küche entfachten sie ein Feuer, um den Frierenden in Decken gehüllt auf einer Matratze die Nacht verbringen zu lassen. Am Morgen gab sie ihm ein paar Kleidungsstücke ihres ältesten Sohnes. Der Junge wußte aber mit der Kleidung nichts anzufangen. Knöpfe schienen für ihn etwas völlig Fremdartiges zu sein. Er hielt die ihm ausgehändigte Jacke hoch, strich vorsichtig über die Ärmel, machte aber keine Anstalten, sie anzuziehen. Anfangs hielt ihn der Bauer für einen taubstummen Heimatlosen oder einen entlaufenen Tolpatsch. Es sollte sich jedoch schon bald herausstellen, daß er reden konnte, allerdings in einer Sprache, die niemand verstand. Selbst die bekanntesten Dinge setzten ihn in Erstaunen. Eine Tasse mit warmer Milch verwirrte ihn derart, daß das Ehepaar ihm selbst noch das Trinken beibringen mußte. Vor der Hauskatze, die sich gelegentlich ins Zimmer schlich, wich der Junge ängstlich zurück, als ob er sich vor ihr fürchtete. Der Bauer und seine Frau, die sich über das Verhalten des Jungen amüsierten, berichteten hierüber dem Gemeindepfarrer René Mouville, einem pensionierten Universitätsprofessor aus Lyon, der erst mit fünfzig Jahren die Weihen empfangen hatte. Dieser nahm den Jungen für kurze Zeit mit ins Pfarrhaus, um ihn dort besser beobachten zu können. Der Geistliche hielt den Fremden zunächst für einen Spanier oder einen geistig Behinderten aus der Anstalt in Narbonne. Nachdem er den Jungen näher kennengelernt hatte, wußte er, daß ihm die Aufklärung dieses Falles Schwierigkeiten bereiten würde. Der Körperbau des Kindes erschien ihm ungewöhnlich: Seine Hüften waren extrem schmal, und sein Brustkasten ähnelte einem auf dem Kopf stehenden V, umgekehrt als bei einem normal gewachsenen Menschen. Die zartgliedrigen, dreifingrigen Hände des Jungen ließen den Geistlichen etwas erahnen, über das er nicht zu sprechen wagte. Im Laufe der Zeit stellte Pfarrer Mouville mit Erstaunen fest, daß der Junge eine ungewöhnlich hohe Intelligenz besaß. Da er sich in keiner Kultursprache mit ihm unterhalten konnte, begann er damit, von Gegenständen des täglichen Lebens einfache Zeichnungen anzufertigen – einer Lokomotive, einem Pferd, einem Haus - , um eine Kommunikationsgrundlage zu schaffen. Seine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Eines Tages verfasste Mouville Zahlenserien, wobei er sich eines Punktsytems bediente. Sofort nahm der Junge Papier und Bleistift zur Hand, um seinerseits mit hoher Geschwindigkeit Punktanhäufungen niederzuschreiben. Überrascht mußte der Geistliche feststellen, daß sein Schüler die Quadrat- und Kubikwurzeln der von ihm niedergeschriebenen Zahlen errechnet und die Resultate durch Punkte wiedergegeben hatte. In den darauffolgenden Wochen nahm das Vertrauen des Jungen in seine Umgebung weiter zu. Er lernte ein einfaches Vokabular zu beherrschen und begleitete den Pfarrer bei seinen täglichen Visiten. Allmählich akzeptierte ihn das Dorf als einen der Ihren. Einfache Naturphänomene faszinierten den Jungen ungemein. So konnte er stundenlang dem Fließen des Wassers, dem Flug der Vögel und den Bewegungen der Wolken zuschauen. Es war, als habe er diese alltäglichen Abläufe nie zuvor gesehen. Nach Weihnachten des Jahres 1900 erkrankte er mit einemmal. Alle Symptome deuteten auf eine starke Erkältung hin. Nachdem sich sein Gesundheitszustand vorübergehend gebessert hatte, wurde er erneut krank. Diesmal war seine Erkrankung von hohem Fieber begleitet; er wurde von Tag zu Tag blasser. Ein Arzt, den die besorgten Pflegeeltern zu Rate gezogen hatten, vermochte dem Jungen nicht zu helfen. Sein Herzschlag war der langsamste, den dieser je registriert hatte – er betrug nur die Hälfte der Schläge eines normalen Menschen. Man erwog, den Jungen in ein Krankenhaus zu überweisen, konnte dies aber seiner schlechten Verfassung wegen nicht riskieren. In den darauffolgenden Tagen wurde das Kind immer schwächer; schließlich starb der Junge ohne Namen in der zweiten Märzwoche. Man begrub ihn unter der Esche auf dem Friedhof von Sainte-Miande. Das Rätsel seiner Herkunft blieb bis heute ungelöst. Mit
freundlicher Genehmigung aus dem Buch:
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