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Seltsame Geschichten Ungewitterweg von Frank Klare Mitte der Achtziger Jahre unternahm ich auch an diesem Tag wie öfters zu dieser Zeit mit meiner Mutter eine Radtour. Diesmal waren wir im Berliner Stadtteil Spandau unterwegs, unter Anderem radelten wir an der damals noch bestehenden Berliner Mauer entlang. Nachdem wir ziellos hier und da abgebogen sind, fanden wir uns an einem bewohnten Ort wieder, mit dem merkwürdigen Namen „Ungewitterweg“. Der Weg bestand beidseitig aus niedrigen Häusern, die uns von der Bauweise her an eine Westernstadt erinnerten. Zumeist hatten diese Häuser auch diese hölzernen Vorbauten, die oft als Veranden dienten, auf denen an diesem sommerlich-sonnigen Nachmittag viele Anwohner saßen. Der Ort strahlte eine warme angenehme Atmosphäre aus. Als Großstadt-Berliner kamen wir uns vor, als wenn wir plötzlich irgendwo im Urlaub wären. Solche Häuser haben wir in Berlin zuvor noch nie gesehen. Ebenfalls für Berliner Verhältnisse untypisch, die für uns fremden Menschen, die dort weilten, begrüßten uns lächelnd. Verdutzt grüßten wir freundlich zurück. Als wir den Ort verließen, wollten wir uns unbedingt merken, wie er hieß. Denn es war dort zugleich dermaßen ungewöhnlich, wie auch schön, daß wir uns vorbehalten wollten, ggf. noch einmal hierher zu kommen. Der Name Ungewitterweg blieb so fortan in unserem Gedächnis. Etwa zehn Jahre später war ich mit meiner Frau in Spandau unterwegs. Als Kind habe ich in dem Bezirk gewohnt und ging hier zur Schule, in Erinnerungen schwelgend zeigte ich diese Gegend meiner Frau, als mir dann einfiel, auch unbedingt den Ungewitterweg aufzusuchen, der örtlich nicht weit war. So machten wir uns auf in Richtung Ungewitterweg, ich erzählte meiner Frau vorweg schon in schönsten Tönen, wie ungewöhnlich dieser Ort ist und hoffte, daß uns auch heute wieder die Menschen dort so freundlich begegnen würden. Dort angekommen, wunderte ich mich zunächst: Weit und breit sahen wir nur Brachflächen und dazwischen relativ häßliche Häuser aus grauem Beton. Die einzigste Erklärung war also, wir müssen den Weg weiter entlang laufen, irgendwann müssen diese westernartigen Häuser ja dann kommen. So liefen wir, bis wir den ehemaligen Mauerstreifen erreichten. Da dieser nach dem Abriss nicht mehr deutlich auszumachen war, gingen wir noch weiter, immer noch die Häuser suchend – aber nichts! Also gingen wir den ganzen Weg wieder zurück, in der Erwartung, die Häuser müßten am anderen Ende des Weges liegen – doch weiter ging der Weg am anderen Ende überhaupt nicht. Ich konnte nur feststellen, so wie es hier ausschaute, das Alter der Häuser und Zustand der sonstigen Grundstücke, hier hat sich seit mindestens 20-30 Jahren baulich nichts getan. Was wir vorfanden, war alles andere als schön und angenehm. Ich war sprachlos! Man muß sich vorstellen, ich bin extra mit meiner Frau hierher, um ihr im Vorfeld schwärmend von diesem Ort zu erzählen – und dann quasi diese Blamage! So suchte ich nun natürlich nach einer Erklärung. Wenn ich seinerzeit nicht gerade mit meiner Mutter durch ein Dimensionstor geschlüpft bin (wir kamen uns wirklich orts- und zeitreisend vor), was für eine Erklärung gibt es? Waren die Häuser, die wir sahen, vielleicht nur Kullissen, für einen Westernfilm, der hier damals nur zufällig gedreht wurde? Waren die freundlichen Menschen in Wahrheit alle nur vom Film und grüßten uns, weil sie uns für dazugehörig hielten? Fragen über Fragen, die mich aber nicht weiterbrachten. Als ich darüber später mit meiner Mutter sprach, rief sie mich eines Abends an, um mir eine Entdeckung mitzuteilen: Auf dem Berliner Stadtplan gibt es zwei Ungewitterwege, mehr noch, beide liegen in Spandau und zwar direkt miteinander parallel! Das mußte also die Erklärung sein! Wer konnte denn auch ahnen, daß es hier zwei gleichnamige Wege gibt, als Parallelwege? Einige Zeit später war ich zufällig mit meinem Freund Andreas in Spandau unterwegs. Bei der Gelegenheit wollte ich gleich nochmal hierher, um nicht zuletzt einige Fotos der Häuser zu machen, die es ja nun im zweiten Ungewitterweg doch gibt. So auch geschehen, am zweiten Ungewitterweg angekommen, machte ich mich nunmehr mit Andreas auf die Suche der Häuser. Dennoch sollte sich das einstellen, was die Angelegenheit immer rätselhafter macht – wieder Nichts. Trotzdem habe ich mich im Vorfeld auf diese Möglichkeit eingestellt und nahm mir für diesen Fall vor, systematisch alle Wege und Straßen in dieser Gegend abzusuchen, an eine Filmkulisse glaubte ich einfach nicht und an einem „Dimensionssprung“ auch nicht so recht. Tatsächlich
fanden wir auf einem Querweg des Ungewitterwegs das, wonach wir
suchten. Nur mußte man zweimal hinschauen, um die Häuser
wiederzuerkennen, denn: Die hölzernen Vorbauten waren fast vollständig
entfernt worden, Spuren von neuerem Putz wiesen darauf hin. Viele
andere Häuser wurden vollständig neu verputzt, so fand hier also
eine umfangreiche Sanierung statt. Warum, wissen wir nicht,
vielleicht war das Holz der Witterung wegen morsch geworden. Da es
ein grauer Tag war, trafen wir nicht auf viele Menschen, die uns
vielleicht gegrüßt hätten. Wieso wir uns seinerzeit den
Ungewitterweg, aus dem man die Häuser nicht direkt ersehen konnte,
einprägten, bleibt im Gegensatz zum Rest der Geschichte ein Rätsel. |
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