Seltsame Geschichten


Das Seil

von Frank Klare

Das folgende Ereignis trug sich in den sechziger Jahren auf einem Dachboden eines Wohnhauses in Berlin – Wilmersdorf  zu. Geschildert wurde mir der Vorfall von meiner Mutter sowie der Mutter meiner Mutter. Beide waren damals Zeugen, wie mein inzwischen verstorbener Großvater Heinz J. etwas verwirrt und wenig bleich im Gesicht aufgeregt vom Dachboden zurückkehrte. Was war geschehen?                                          

Wie damals in Berlin üblich, dienten oft Dachböden in Altbauhäusern zum Wäsche aufhängen, so auch in diesem Fall. Zu diesem Zweck begab sich besagten Tages also Heinz J. nach oben. Eigentlich ein gewöhnlicher Dachboden, wahrscheinlich wie viele tausend andere damals in Berlin auch. Der Fußboden und die Außenwände bestanden aus Holzbohlen, Zwischenwände zum Teil aus Beton und Steinen. Ich kann mich erinnern, als Kind öfters auch oben gewesen zu sein, den Geruch des Holzes habe ich noch in angenehmer Erinnerung.

Oben angekommen, eigentlich mit der Absicht die trockene Wäsche abzunehmen, muß sich Heinz J. plötzlich über ein Seil aus einer Zwischenwand runterhängend, wundern. Es fällt insofern auf, handelt es sich nicht um eine Wäscheleine, sondern es erinnert an ein Seemannsseil oder gar an einen Henkersstrick. Zudem scheint das eine Ende direkt in der Wand zu verschwinden, wie einbetoniert. Das ist schon merkwürdig, wozu soll das nun gut sein? Warum fällt das Seil erst heute auf, wo es doch schon ewig an der äußerlich etwas porösen Wand zu hängen scheint? 

Nun geschieht das Unglaubliche: Das Seil verschwindet gänzlich in der Wand! Es sieht so aus, als wenn jemand das Seil in die Wand hineinzieht. Da die Zwischenwand eine (geöffnete) Tür hat, sieht Heinz J. auf der anderen Seite nach. Es ist niemand dort, niemand wer womöglich das Seil durchgezogen hätte und auch kein Seil. Das Seil ist einfach in der Wand verschwunden! An der Stelle, wo vorher noch das Seil hing, müßte wenigstens ein Loch in der Wand zu sehen sein. Zwar fehlt an einigen Stellen der Putz, ein Loch ist jedoch nicht vorhanden.

Hat sich Heinz J. alles nur eingebildet? Waren psychokinetische Effekte im Spiel? War es eine Form von Spuk? Warum? Welchen Sinn ergibt das Ganze? Die Fragen blieben bis heute insofern unbeantwortet, als daß der Vorfall erst der Auftakt zu weiteren Erlebnissen des Heinz J. war.


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