Seltsame Geschichten


Klassische Musik aus dem Topfdeckel

von Frank Klare

Kürzlich rief mich abends meine Frau beim Abwasch in die Küche. Obwohl dort weder Radio noch Tonband etc. lief, vernahm ich ebenso wie meine Frau nicht schlecht staunend Sonaten und Opern. Es stellte sich schnell heraus, daß es ein Berliner Radiosender war, was wir da hörten, denn zwischen den Musiktiteln erzählte uns der Moderator, welchen Komponisten wir als nächstes hören. - Ja und wir hörten wirklich deutlich - obwohl wie gesagt gar kein Radio eingeschaltet war. Also gingen unsere Ohren auf Wanderschaft, wo die Arien herkommen, wenn - wie in diesem Fall nicht - aus Nachbars Wohnung. Schließlich war die "Quelle" schnell gefunden, man musste ja schließlich nur lauschen, wo die Musik am lautesten ist. Und dies war eindeutig im Bereich des Herdes und der Spüle der Fall, genauer am lautesten schien die Musik aus dem Topfdeckel zu tönen, der sich zu der Zeit zwecks geplanten Abwaschens. noch halb auf dem Herd und halb auf der direkt daneben stehenden Spüle befindet ... Also nahm ich unser "neues Radio" in die Hand und siehe da - kein Ton mehr  -also legte ich den Deckel zurück auf den Herd - immer noch nichts. Auch als ich den Topfdeckel so wie zuvor ein Stück weiter nach rechts schob (daß ein Teil des Deckels die Emaillespüle berührte), wollte das Orchester nicht mehr für uns weiterspielen. Streikt nun nur einfach das Orchester oder hatten wir uns die Sonaten nur eingebildet? Doch halt! Leise, ganz leise hören wir die 23°° Uhr - Nachrichten aus unserem neuen Topfdeckelradio, nur aber viel leiser als vorhin. Der Logik nach verschob ich also den Deckel Millimeterweise zwischen Herd und Spüle hin und her - und Huch! - laut hören wir, daß es in der nächsten Nacht noch immer Frost gibt! Doch die Wetteraussichten für die nächsten Tage waren wieder so leise, daß wir sie nicht erfuhren. Also fingen wir systematisch an, die Zusammenhänge zu untersuchen. Warum kommt die Musik aus dem Topfdeckel, aber auch nur dann, wenn dieser gleich - zeitig eine der Herdplatten und die Spüle daneben berührt? Es müssen als Voraussetzung alle drei Verbindungen hergestellt sein, sonst streikt unser neues Radio. Die nächste logische Schlussfolgerung lautet, fürs Radio braucht man eine Steckdose oder Batterien. Da weder die Spüle noch der Topfdeckel über ein Stromanschluss verfügt, bleibt also nur noch der Herd übrig - aber - dieser ist ausgeschaltet! Heißt das, der Herd ist evtl. defekt, oder befindet sich Reststrom in ihm? Um dies zu testen, holen wir eine Taschenlampe, weil es ja schon spät abends und dunkel ist, und drehen alle Sicherungen am Stromsicherungskasten heraus. Um eventuellen Reststrom noch zu entziehen, schalten wir den Herd trotz rausgedrehten Sicherungen nochmals ein. Dennoch tut sich nichts, die Betriebslampen des Herdes leuchten nicht mehr auf. Dennoch vernehmen wir umso erstaunter ebensolaut wie zuvor eine weitere Opernsonate aus dem Topfdeckel. Meine nächste Theorie besagt, daß sich dann vielleicht der Topfdeckel mit Licht auflädt, (ähnlich wie bei Solarenergie), doch auch diese Möglichkeit scheidet nach längerer Untersuchung aus, als wir am nächsten Morgen den abgedeckten Deckel noch immer spielend vorfanden. Bleibt also nur noch eine wohl unerfreuliche Theorie, evtl. befindet sich ein Defekt irgendwo im Stromnetz in der Küche. Der Zufall verhilft uns nur wenige Tage danach zur Prüfung dieser These. Unsere Hauptsicherung knallt wiederholt mit Stichflamme heraus, so daß Leute vom Fach - also Elektriker - anrücken müssen. Gemeinsam mit den Elektrikern staunen wir nicht schlecht, als das "Radio" munter weiterlief, auch nachdem mit Messgeräten festgestellt wurde, daß es nirgendwo in der Küche Reststrom oder elektrische Aufladungen gibt . . . 
Ganz zu schweigen von der Frage, ob der Topfdeckel nun bei der GEZ anmeldepflichtig ist, konnten wir bis heute keine plausible Erklärung hierfür finden. Dennoch bin ich überzeugt, daß sich das Phänomen irgendwie physikalisch erklären lässt und glaube nicht, daß hier "Übersinnliches" im Spiel ist, auch wenn wir unsere Gäste seit einiger Zeit hiermit immer wieder verblüffen können. Schließlich fand ich bei weiteren Untersuchungen heraus, daß ich denselben Radiosender ebenso mit Löffeln und Gabeln empfangen kann, sofern diese ebenso gleichsam Herdplatte und Spüle berühren. Das heißt, das Radio spielt nur bei Verbindung ganz bestimmter Materialien, wobei die Herdplatte eine der wichtigsten Komponenten darstellt, da sie im Inneren eine ähnliche Technik (Stromspule) aufweist wie ein herkömmliches Radio. Eines ist nur schade, bisher ist es mir noch nicht gelungen, im Topfdeckel einen anderen Radiosender einzustellen. Aber vielleicht ist dies nicht so schlimm, wenn ich bedenke, daß ich schon von Fällen gehört habe, wo die Radiomusik aus Zahnplomben laut ertönt sein soll.


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