Seltsame Geschichten


Eine geführte Anreise

von Carola Zimmermann

Eines Morgens erwachte ich mit fürchterlichen Bauchschmerzen, welche es mir nicht ermöglichten, zur Arbeit ins Krankenhaus zu gehen.

Gegen 11 Uhr meldete sich ein langjähriger Bekannter, Herr Heinz R. aus dem Stuttgarter Raum bei mir. Er war an einer Makula-Degeneration erkrankt und hoffte, ich könne ihm die Anschrift eines Heilers aus Kiel benennen; das vermochte ich leider nicht.

Nichts desto trotz kamen wir ins Gespräch, und er äußerte den Wunsch, zu mir kommen zu können, da ich ihm bereits im Gespräch einiges über seine Erkrankungen sagen konnte, von denen er nicht zu mir sprach.

Nun kam der Tag im April, an dem Herr R. bei mir anreiste – ein recht rüstiger, gepflegter, älterer Herr mit wachem Kopf und einem Alter von ca. 82 Jahren.

Er berichtete von seiner Reise. Es begann mit seiner Ankunft am Bahnhof; hier bemerkte er, dass seine Bahntickets zu Hause neben dem Fernseher lagen.

Nun gab es zwei Möglichkeiten: Entweder nach Hause fahren und Besuch absagen, oder neue Tickets erwerben. Zum Absagen war es ihm zu kurzfristig, da er Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle ist. Also neue Tickets...

Hier gab es zwei Schlangen, an denen er sich anstellen konnte:

1. Eine Reihe für Menschen, die noch beraten werden mussten, entsprechend länger.

2. Eine Reihe für Personen, die bereits zielgerichtet Tickets erwerben konnten.

Herr R. stellte sich an der 2. Reihe an, da er wusste, was er wollte.

Als er nun in der Schlange stand, wurde sein Zug aufgerufen. Nun, dachte er, löst er seine Fahrt im Zug.

Er machte sich auf den Weg, kam am Infostand vorbei, dort kam ein Beamter auf ihn zu und fragte ihn:

„Sind Sie Herr R.? Ich habe Ihre Tickets für Sie hier!“

Erfreut nahm er sie entgegen. Er vermutete, seine Ehefrau hätte sein Malheur bemerkt und dies organisiert.

Aber nein – die Tickets lagen noch an Ort und Stelle und die Frau fiel aus allen Wolken.

Wie konnte dies möglich sein? Eine gute Führung?

Er wurde behandelt; leider konnten „wir“ die Makula-Degeneration nicht ganz zum Verschwinden bringen, jedoch eine geringfügige Verbesserung. Wir stehen noch heute in freundschaftlicher Verbindung.



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