Seltsame Geschichten


Erika

von Kerstin Göbel

Meine Hühner haben alle Namen und einige der Namen kennen die Nachbarn auch und können diese Hühner von den anderen unterscheiden. Erika war am Abend vom 7. Mai 2005 nicht mit den anderen Hühnern im Stall. Ich habe gesucht, aber sie war nicht zu finden. Später hörte ich von Nachbar Klaus, dass ein weißes Huhn bei ihm im  Kuhstall gewesen wäre, aber das musste am Nachmittag des 7. gewesen sein. Seither  hat er Erika auch nicht mehr gesehen.

Am Morgen des 8. saß sie um Viertel vor sechs gackernd auf dem Zaun. Ich lief runter und öffnete den Stall, damit sie  wieder mit den Schwestern vereint wäre und an den Trog könnte. Im Laufe des  Tages habe ich sie nicht mehr gesehen, aber da meine Hühner frei umherlaufen und die beiden großen Wiesen von Klaus samt dem baumbewachsenen Bachlauf dazwischen zu ihrer Verfügung stehen, ebenso Scheune und Ställe der Umgebung, hat das nichts zu sagen. Am Abend waren die anderen Hühner im Stall, Erika nicht. Wieder gesucht, keine Erika. Sie blieb auch verschwunden.

Ich ging also davon aus, dass der Waschbär oder ein anderes Raubtier sie gefressen hätte. Am Morgen des 16. saß Erika gegen 8 Uhr auf der Miste des Nachbarn und kratzte da vergnügt umher. Der Hühnerstall war noch zu und ich habe ihn erst gegen 9 Uhr aufgemacht. Erna eine andere Nachbarin, rief mich und erzählte, dass sie Erika gesehen hätte. Da war Erika aber schon wieder verschwunden.

Am Morgen des 17. ertönte in aller Frühe, die anderen Hühner schliefen noch im Stall und ich im Bett, ein lauter Hühnergesang bei mir im Hof. Doch bis ich wach genug war, um aufzustehen und am Fenster zu gucken, da war keine Erika im Hof zu sehen. Wir haben alle in der Umgebung befindlichen Gebäude, Scheunen, Schuppen und Ställe intensiv abgesucht. Keine Erika. Ich selbst habe sie zuletzt am Morgen des 8. gesehen. Ich hatte Erna schon vorgeschlagen, dass Erika tot wäre und Erna hätte den Geist gesehen, aber ein Geist kratzt doch nicht in der Miste herum. Und wenn Erika noch lebt, wo hält sie sich versteckt und warum? Um sich auf einem Nest zum Brüten zu verschanzen, ist sie noch zu jung. Was frisst sie? Wir haben auch keine Eier und keine Eierschalen gefunden. Es läuft auch eine Menge an kleineren Raubtieren wie Waschbären (ein ganzes Nest mit Jungen z. B. in Ernas Scheune), Füchsen, Mardern etc. herum. Warum sollte keines von diesen Viechern Erika längst gefunden haben? 

Die Geschichte hat sich dann doch noch aufgeklärt. Sie hat an einer versteckten Stelle in Klaus seiner Scheune kampiert, durch puren Zufall haben wir das gefunden. Sie hat auch danach noch einige Nächte außerhalb des Stalles verbracht und ihre Freiheit genossen. Als im Herbst 2005 die Hühner aber wegen der hier nicht existenten Vogelgrippe-Gefahr eingesperrt werden mussten, ist Erika vor Kummer gestorben. Vom Tage des Eingesperrtseins an war sie nur noch ein Bild des Jammers und hat gelitten, bis sie eines Morgens umgekippt und gestorben ist.



  Seltsame Geschichten

zurück zum
Gesamtverzeichnis