Seltsame Geschichten


Die Heilsarmee und das Baby

von Frank Klare

Meine Mutter hatte in den frühen Achtzigern ein Erlebnis, von dem sie heute nur noch bruchstückhaft zu berichten weiß: 

Alles begann mit einem Straßenkonzert der „Heilsarmee“. Wie öfters, hatten sich an diesem Tag einige Mitglieder der Heilsarmee in ihren blauen Uniformen auf dem Berliner Kurfürstendamm zu einem Straßenkonzert versammelt. 

Als meine Mutter hier zufällig vorbeikam, bekam sie Augenkontakt zu einer Frau der Heilsarmee. Die Frau schien ihr ziemlich tief in die Augen zu schauen, in einer ungewohnten eigenartigen Intensität. Dem Blick konnte sie sich offenbar nicht entziehen und was in Folge geschah, lässt sich nur vage beschreiben: Es schien, als würde der Blick der Frau immer tiefer und tiefer werden. Die Pupillen verwandelten sich in einer Art großes Schwarzes Loch, in das meine Mutter hineingesogen wurde.

Was direkt danach geschah, lässt sich heute nicht mehr sagen. 

Jedoch vermutlich noch am gleichen Tag wollte sie einen Bekannten besuchen gehen. Als sie unterwegs auf dem Weg an einer Straßenkreuzung um die Ecke bog, schien sie die Realitätsebene zu verlassen: Plötzlich gab es keine Farbe mehr. Alles war nur noch schwarzweiß. Offensichtlich schien ihr dieser Sinneseindruck dermaßen zugesetzt zu haben, dass sie aus Orientierungslosigkeit einem entgegenkommenden Mann nach dem Weg fragen musste. Der Mann blieb auch stehen, jedoch antwortete er nicht. Er stand nur da, beim genaueren Betrachten strahlte er eine Leblosigkeit aus, die glauben ließ, einer Leiche bzw. einem „Zombie“ begegnet zu sein. Auch hier lässt sich nicht mehr sagen, wie es weiterging.

Ein weiteres Ereignis fällt, soweit sich die Geschichte rekonstruieren lässt, zeitlich ebenfalls in diese Reihe merkwürdiger Begebenheiten. In einer belebten Berliner Geschäftsstraße fielen meiner Mutter vor einem Schaufenster eines Geschäftes rotleuchtende Punkte auf, die ständig in Bewegung waren, als würden sie tanzen. Wäre es ein Laserstrahleffekt gewesen, so hätte sie dies sicherlich bemerkt.

Das nächste Erlebnis in diesem Zusammenhang war, meine Mutter war wieder unterwegs. Irgendwo kam sie auf einen Kinderwagen zu. Neugierig (wie Mütter nun mal sind) schaute sie hinein, um vielleicht ein strahlendes Lächeln eines süßen Babys zu erhaschen. Und tatsächlich, das Baby war wach und schaute ihr in die Augen. Es schaute ihr in die Augen, tiefer, immer tiefer...

Wieder öffnete sich das Schwarze Loch, das sie hineinsog. Soweit sich heute sagen lässt, war damit diese Ereigniskette beendet, nur, was war eigentlich geschehen?

Wurde meine Mutter bewusst oder unbewusst von der Frau der Heilsarmee hypnotisiert, verbunden, mit dem nächsten intensiven Augenkontakt (in dem Falle das Baby) wieder „aufzuwachen? Nur warum? Welchen Sinn hätte das Ganze?

Dennoch gäbe es für diese Ereignisse eine noch andere Erklärung. Meine Mutter kann sich noch daran erinnern, in dieser Zeit einer intensiven Zahnarztbehandlung unterzogen worden zu sein, wobei auch neue Zahnfüllungen eingesetzt wurden. Da das Füllmaterial Amalgam wohl auch Quecksilberbestandteile aufwies, wäre die berechtigte Frage, ob es sein kann, daß Quecksilberbestandteile bzw. Reste davon in den Blutkreislauf gelangten, die möglicherweise in Verbindung mit Betäubungsmitteln halluzinogene Bewusstseinszustände auslösten? 

Nun, eine stichhaltige, plausible Antwort scheint heute nicht mehr möglich, es bleibt also eine weitere seltsame Geschichte.




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