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Phänomene Ein Toter betrinkt sich von Holger Sauer Sonja betreibt in einer Kleinstadt einen Kiosk mit Lottoannahme, der an der Bundesstraße unweit des Bahnhofs gelegen ist. Sie hat stets ein offenes Ohr für ihre Kunden und ist allseits beliebt. Das Paranormale hat es ihr besonders angetan, seit sie vor vielen Jahren zusammen mit ihrem Mann, einem Radartechniker, in den USA ein UFO beobachtet hatte. Zu den Kunden gehört auch Volker, der allein lebt, schon seit längerem arbeitslos ist und sich immer wieder dem Trunk ergeben hat. Er kommt immer in den Kiosk, um „seinen“ Wein zu kaufen und um Abwechslung durch allerlei Gespräche zu suchen. Es geht dabei immer wieder um Esoterisches. Der Lieblingswein von Volker ist herb, eher sauer und gar nicht der Geschmack von Sonja, die praktisch keinen Wein trinkt. Und wenn überhaupt, dann eine süßliche Spätlese. Und Volker ist der einzigste Kunde, der diesen Wein kauft. Da stirbt für alle überraschend Volker. Im Kiosk liegen noch ein paar Flaschen des Weins, der nun unverkäuflich ist. Etwa eine Woche später nimmt Sonja den Wein mit nach Hause, mit dem Hintergedanken, diesen bei Gelegenheit dem Freund der Tochter zu kredenzen. Doch es sollte anders kommen. Kaum war sie zu Hause eingetroffen, packte sie der Wunsch, den mitgebrachten Wein zu trinken. Sie trank ganz entgegen ihrer Gewohnheit eben diesen, für sie viel zu sauren Wein, und zwar eine ganze Flasche. Und es schmeckte ihr. Der nächste Morgen war fürchterlich. Sie hatte einen gräßlichen Kater. Und sie verstand überhaupt nicht, daß sie ausgerechnet den Wein, den sie nicht mochte, mit Genuß trinken konnte. Was hat sie dazu gebracht? Und doch gibt es eine Erklärung: Die Seele von Volker gierte so nach Alkohol, bzw. nach „seinem“ Wein, daß sie den Körper von Sonja besetzte, sich mit ihrer Seele vermischte und sich betrank. Es war also nicht Sonja, die den Wein trank, sondern Volker. In der Praxis werden häufig derartige Anlagerungen, Besetzungen und Vermischungen durch fremde Seelen beobachtet. Hellsichtige Personen erkennen dies meist ohne Schwierigkeiten. Die Betroffenen und ihre Umwelt bemerken es nur dann, wenn die fremde Seele ungewöhnliche Dinge tut. Dies können veränderte Trink- und Essgewohnheiten sein, aber auch sexuelle Wünsche und andere Lüste und Begierden. Verhält sich die fremde Seele im Wesentlichen konform zur Seele des Betroffenen, so bleibt die fremde Seele in der Regel unentdeckt.
Daß gelegentlich die Seelen Verstorbener Besitz von Menschen, oft im ehemaligen Lebensumfeld, ergreifen, scheint zuzutreffen, weshalb Herr Sauers Erklärungsansatz berechtigt scheint. Jedoch wäre ich in diesem konkreten Fall geneigt, eine weitere Erklärung anzubieten: Volkers Tod kam sehr überraschend, es bestand womöglich eine emotionale Bindung zwischen Volker und Sonja, die ja immer ein offenes Ohr für ihre Kunden hatte, zumal es ja oft um Themen esoterischen Inhalts ging. Daraus schließe ich, daß ihr sein plötzliches Ableben nicht gleichgültig gewesen sein kann. Es mag noch das Eine oder Andere gegeben haben, was sie ihm vielleicht hätte noch sagen wollen, was ja nun plötzlich nicht mehr ging. Stellvertretend für das nicht mehr stattfindende Gespräch war es nun die Flasche Wein. Der Konsum des Weines konnte ihr das Gefühl vermitteln, ihm noch einmal nahe zu sein. Dieser psychologisch erklärbare Vorgang wäre kein Einzelfall. Des öfteren wird von Familienangehörigen berichtet, die nach Ableben ihrer Angehörigen deren Lebensgewohnheiten – auch zuvor unbeliebte – annehmen, aus genanntem Grund, ohne daß dabei eine Vermischung der Seelen eine Rolle spielen muß. Würde Herr Sauers Hypothese zutreffen, dürften wir erwarten, daß Sonja noch viele weitere Weinflaschen trinken müßte, solange sich seine Seele in ihr befindet. Werte Leser/innen, was meinen Sie?
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