Phänomene


Computermusik von „Drüben“?

von Frank Klare

Um folgende Begebenheiten den Lesern verständlich zu machen, muss ich eingangs etwas ausholen. Von Anfang der Achtziger bis Ende der Neunziger Jahre war ich nebenberuflich Elektronikmusiker. Unter elektronischer Musik versteht man Musik, die mit elektronischen Musikinstrumenten erzeugt wird. Gemeint sind keine Orgeln oder elektrische Gitarren, sondern spezielle Geräte wie „Synthesizer“ und „Sequenzer“. Die bekanntesten Interpreten dieser Musikart sind Tangerine Dream, Klaus Schulze, Jean Michel Jarre, Kraftwerk oder Kitaro. Ein Synthesizer ist ein Gerät, mit dem man beliebige Klänge formen kann, um sie musikalisch einzusetzen. Der Sequenzer ist im weitesten Sinne so was Ähnliches wie ein Tonbandgerät, in den Sequenzer werden Noten einprogrammiert, die das Gerät dann hinterher wiedergibt, durch Synthesizer (Klangerzeuger), die mit dem Sequenzer verbunden sind. Bis Mitte der Achtziger waren diese Anlagen von den Ausmaßen her sehr groß, ein sog. „Synthesizermodularsystem“ (je nach Größe bis zu über 100000 DM teuer) konnte mehrere Meter breit und hoch sein, mit Hunderten von Klangreglern und Kabelsträngen. Doch die Entwicklung der Computertechnologie machte auch vor dieser Art von Musikinstrumenten nicht halt. Anstelle der erwähnten riesigen „Schränke“ wurden die Geräte immer kleiner und zugleich immer funktioneller und günstiger. Ebenso in der Zeit setzte sich ein neuartiges Interfacesystem durch, damit die verschiedenen Geräte miteinander kommunizieren können, kurz „MIDI“, was für „Musical Instrument Digital Interface“ steht.

Eine moderne Synthesizeranlage besteht heute in der Regel aus mindestens einem Keyboard (Klaviatur, um die Noten einzuspielen, es können durchaus aber auch mehrere Keyboards zum Einsatz kommen), dazu ein Rack (Einbaugehäuse) für „Expander“ (Klangerzeuger ohne Klaviatur, die vom Keyboard und anderen Geräten angesteuert werden) und nach wie vor dem „Sequenzer“, dem tonbandähnlichen Gerät. Früher hatten die sog. „Analogsequenzer“ für jeden Ton (Note) einen Drehknopf, um die Tonhöhe einzustellen, in der Regel 3-4 Reihen für je 8 Töne. Heutzutage ist der Sequenzer etwas moderner geworden, er kann bis zu 128 Spuren (wie bei einem Mehrkanaltonband) aufweisen, die Noten werden über die Keyboardtastatur eingegeben. Schließlich werden die aufgenommenen Spuren gleichzeitig über die diversen angeschlossenen Expander wiedergegeben. Man unterscheidet dabei zwischen zwei Typen moderner Sequenzer, dem „Hardwaresequenzer“ als reines „stand alone-Gerät“ oder den (weiterverbreiteten) computergestützten Sequenzern, ein herkömmlicher PC mit spezieller Software. In den Achtzigern bis etwa Mitte der Neunziger war hier der „Atari“-Computer mit „Steinberg-Cubase“-Sequenzersoftware am weitverbreitesten.

Nach dieser hoffentlich nicht zu trockenen (aber notwendigen) Einführung in die Musikelektronik nun zu eigenen Erfahrungen mit dieser Technik. Wie erwähnt, war ich auf dem Métier selber längere Zeit aktiv und produzierte mit diesen Mitteln diverse CD-Veröffentlichungen, bevor ich 1999 diese Tätigkeit einstellte. Etwa 1987, damals bereits bestückt mit zitierter modernerer Technik, also diverse Keyboards, Expander und dem Atari als Sequenzer, gab es erstmals einen interessanten Effekt: Damals noch mit einem Kollegen zusammen, wollten wir Musik produzieren. Der Atari mit der Cubase-Software war für Einspielungen betriebsbereit (es waren noch keine Noten im Programm). Wie bei einem Tonband gingen wir im Computer auf „Aufnahme“ um in Folge eben Noten einzuspielen. In Folge geschah so was Ähnliches wie ein „Totalabsturz“, der Computer reagierte nicht mehr auf Tastaturbefehle, anstelle „spielte“ er völlig selbstständig eine scheinbar willkürliche Abfolge von Tönen und Klängen – eigentlich unmöglich – es waren wohlbemerkt gar keine Noten vorhanden – trotzdem spielte er und spielte er und spielte er – wie von Geisterhand machte die gesamte Anlage ohne unser Zutun selbstständig „Musik“. Eine musikalische Beschreibung des Ganzen fällt nicht leicht, es klang sehr experimentell, in Richtung des Komponisten K.H. Stockhausen, was unter die Sparte „Neue Musik“ fallen würde – keine Musik, die wir oder ich persönlich bevorzugen. Trotzdem nahmen wir auf Tonband insgesamt drei Auszüge dieser „Geistermusik“ auf. Beenden ließ sich diese Begebenheit nur dadurch, indem wir die Stromzufuhr unterbrachen.

Nun muss ich nochmals auf technische Belage zu sprechen kommen. Wohlbemerkt kommunizieren die vielen Geräte miteinander über das „MIDI“-Interface. Von dem Keyboard(s) geht es raus (MIDI out) in den Sequenzer / Atari (MIDI in) und gleichsam in die Expander (MIDI in). Wiederum haben viele Keyboards eine eigene Klangerzeugung, möchte man diese vom Sequenzer mit ansteuern, wird auch die Verkabelung in umgekehrter Richtung notwendig (Also Atari, MIDI-Out zum Keyboard MIDI in). Es gibt dann noch „MIDI thru“ (das angekommene Signal wird an out durchgeschliffen), ist aber für diesen Sachverhalt nicht von Belang. Entscheidend ist, schnell kommen bei komplexeren Synthesizersystemen 20 und mehr MIDI-Einzelgeräte zusammen, die wechselseitig aufeinander ansprechen müssen, damit der reibungslose Musikablauf funktioniert. Diese Wust an Datenleitungen wird über eine sogenannte „MIDI-Matrix“ verwaltet. In dieser Matrix laufen alle Leitungen zusammen und werden von hier aus verteilt. Beim erwähnten Keyboard mit interner Klangerzeugung muß man darauf achten, keine „Ringschleife“ zu bilden, d.h. aus dem Keyboard geht es raus in den Comptuter, von dort aus in das Keyboard wieder zurück und wieder raus und zurück u.s.w.. Bei solcher MIDI-Verkabelung gilt es, bestimmte Eigenschaften an den Geräten einzustellen (bei Keyboards gibt es z.B. die Funktion „local off“, die besagt, daß die Klaviatur von der Tonerzeugung getrennt wird). Ansonsten gibt es eine Datenrückkopplung (vergleichbar der Videorückkopplung). Im Normalfall treten unter diesen Umständen bei Synthesizern „Notendoppler“ auf, d.h. die Note wird doppelt zeitgleich erzeugt, wodurch die Gesamtstimmenanzahl des Synthesizers sich halbiert, was sich in der Musik negativ bemerkbar machen kann. Im Extremfall, wenn der Atari falsch verschaltet ist und sich „hochschaukelt“, kommt die Note, die zum Expander rausgeht, wieder zurück und wieder raus, wobei der Atari nicht mehr von der Geschwindigkeit her mitkommt und „festfriert“ bzw. „abstürzt“, der Datentransfer jedoch geht weiter – es werden immer mehr Noten rein und raus geschickt – heraus kommt die „Geistermusik“. Durch besagten „Datensalat“ erhalten die Klangerzeuger fehlerhafte Signale, die sie wiederum in den Atari schicken, der dann weiteren Datensalat ausgibt, sodaß sich alle beteiligten Geräte gegenseitig beeinflussen.

Nun, ITK-Forscher werden jetzt schon aufhorchen, wird doch gewollt der gleiche Effekt etwa mit der ITK-Methode Videorückkopplung bewusst erzeugt, um Kontakte mit dem Jenseits aufzunehmen. Genau genommen geschieht zumindest technisch gesehen bei der „Atarirückkopplung“ etwas Ähnliches. Während sich auf dem Fernsehbildschirm durch Rückkopplungen scheinbar willkürliche Bildfolgen von Gesichtern Verstorbener manifestieren können, entsteht hier eine willkürliche Noten / Klangabfolge, die sich zwar bis hierher technisch erklären lässt, jedoch im scheinbaren „Chaos“ musikalische Strukturen hervorbringt.

Etwa 10 Jahre später, also 1997 (seinerzeit war ich solistisch tätig), trat der „Atari-Effekt“ abermals infolge einer versehentlich falschen Verkabelung in Erscheinung. Doch diesmal schien die „Musik“ musikalischer / harmonischer als 1987 zu sein. Wieder zeichnete ich Auszüge auf Band auf, diesmal acht.

In einem der hinteren Teile taucht plötzlich ein virtuoses Klavierspiel auf, das einer klassischen Sonate entsprungen scheint. Trotz meiner bis dahin langjährigen Praxis als Keyboarder muss ich eingestehen – ein so virtuoses Klavierspiel würden meine Hände nicht zustandebringen! War hier also das Chaos der Komponist oder woher kam die Musik?

Wie auch immer, diese Aufnahmen versetzten mich ins Staunen. Vergleichweise wollte ich diesen Effekt auch mit anderen Geräten wie Hardwaresequenzern „heraufbeschwören“, aber nur mit dem Atari und der Cubase-Software trat dies in Erscheinung.

Der Atari steht schon länger im Keller. Womöglich werde ich ihn doch mal wieder raufholen und anschließen. Ich bin neugierig geworden, wieweit möglicherweise „medial empfangene Musik“ mit diesen Geräten möglich ist oder ob doch nur das Chaos einen Streich spielte!

Zu gegebener Zeit komme ich an dieser Stelle noch mal auf die Sache zurück.

 

 

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